Donnerstag, 12. Januar 2012

Furniger Situ

Der Begriff "Forn Sed" (und Verwandtes) wird seit den 1990er Jahren im weiteren Umkreis des germanischen Neuheidentums verwendet. Es soll hier beleuchtet werden, wo der Begriff herstammt, wie er motiviert ist, und was er bezeichnet.

Kurz gesagt geht es um einen Zugang zu neuheidnischer Spiritualität, der sich  regionalem Brauchtum und Volksglauben (folktro, folketro) abstützen will, in Abgrenzung zu neuheidnischen Strömungen mit esoterischen, okkulten, eklektischen oder historisch-rekonstruktionistischen Ansätzen.

Begriffsherkunft

Das schwedische forn sed übersetzt altisländisch forn siðr. Letzteres ist eine einheimische mittelalterliche Bezeichnung für die vorchristliche Tradition. Übersetzt heisst es "der alte Brauch", "der ehemalige Brauch", im Gegensatz  zum gegenwärtig gültigen (christlichen) "neuen Brauch", nýr siðr. Es handelt sich also um einen  nicht-wertenden Begriff für die vorchrlistliche Tradition im allgemeinen, und zwar klar aus der Perspektive der Nachgebornenen, die darauf blickt als etwas Ehemaliges, Vergangenes. Vergleichbar ist vielleicht unser Begriff des Ancien Régime für die vor-napoleonische Gesellschaftsordnung.

Etymologisch ist forn identisch mit unserem vorn. Seine Bedeutung ist allgemein "alt", also weder ausdrücklich positiv als "altehrwürdig", noch negativ als "veraltet, vergammelt" konnotiert.
Ebenfalls verwandt sind fern und das veraltete firn. Der Duden kennt das Adjektiv firn noch als "Winzersprache", in der Bedeutung "alt (von Wein)". Substantiviert haben wir es als Firn "vorjähriger Schnee".

Das altnordische siðr entspricht unserem Sitte, nur dass das skandinavische Wort noch das ursprüngliche maskuline Genus bewahrt, das auch deutsch als der Sitt noch bis ins frühe 17. Jahrhundert Bestand hatte. Die älteste deutsche Form ist ein maskuliner u-Stamm, situ (Genitiv sites, Dativ site). Diese Stammklasse ist ahd. nur noch in wenigen, archaischen Wörtern sichtbar, etwa noch fridu "Frieden", hugu "Verstand" und sigu "Sieg". Die urgermanische Lautung wäre *siduz. Dieses Wort entspricht in Form und Bedeutung (fast) genau dem griechischen ἦθος ethos (unser "Ethik" entspringt dem abgeleiteten Begriff der aristotelischen τὰ ἠθικά) und dem indischen svadhā. Es ist demnach ein uraltes (indogermanisches) Wort für "eigene, althergebrachte, gewohnheitsmässige Gebräuche, Regeln und Gesetze", ursprünglich *swe-dh(eh)-, etwa "das sich selbst Gesetzte".

"Alte Sitte" wäre damit eine völlig adäquate neuhochdeutsche Übersetzung des isländischen Begriffs. Im Althochdeutschen, wo das Wort   für "Sitte" noch sein maskulines Genus hatte, ist noch nähere Entsprechungen wie forner situ,  firner situ oder furniger situ möglich.
Bedeutungsnuancen: ahd. fornig, furnig heisst "vormalig, einstig, alt, uralt"; firn heisst "alt, veraltet; erfahren"; forn ist wie im Skandinavischen am allgemeinsten und heisst sowohl "vorher, einst einstmals, früher" als auch "nach vorn, vorwärts".

Verwendungsgeschichte

Das germanische Neuheidentum bestand in institutionalisierter Form in Island und in Nordamerika seit den frühen 1970er Jahren, geläufig unter der Bezeichnung Ásatrú. Es ist dies ein Kunstwort, eine isländische bzw. altnordische "Rückübersetzung" des norwegischen Asetro, das der Librettist Bjørnstjerne Bjørnson in der dritten Szene von Griegs unvollendeter Oper Olav Trygvason (1873) als Bezeichnung für das Heidentum verwendet (und sich damit auf eine ältere Prägung, aus der ersten Hälfte des 19. Jh., stützt, die aber zuvor kaum eine Wirkung entfaltete).  Wörtlich bedeutet es "Asentreue", die deutsche Übersetzung des Librettos hatte Asenthum. Namentlich in Island wurde Ásatrú ab 1973 als einheimische Bezeichnung für "Neuheidentum" im allgemeinen gebräuchlich, beinhaltete also ein weites Spektrum an Esoterik, Pantheismus, Theosophie usw., stand aber durch die Selbstbezeichnung, und auch durch das isländische Nationalbewusstsein, implizit in der Nachfolge der vorchristlichen Traditionen Islands.

Organisiertes Neuheidentum erreichte Skandinavien (also Dänemark, Norwegen und Schweden) erst in den 1990er Jahren, beeinflusst sowohl durch die isländische als auch angelsächsische Vorgängerorganisationen. Die Terminologie wurde zunächst übernommen, mit der Gründung des Sveriges Asatrosamfund (1994)  und der Åsatrufellesskapet in Norwegen (1996). In Abgrenzung zum "eklektischen" Asatrosamfund formiert sich 1997 das Samfälligheten för Nordisk Sed in Schweden.  Forn sed wurde intern bereits in dieser Zeit verwendet, erscheint aber zuerst in offiziellen Vereinsnamen um 1999, mit der norwegischen Foreningen Forn Sed  und dem dänischen Forn Siðr. Während die dänische Gruppe sich selber als asatrosorganisation bezeichnet und Forn Siðr einfach als Vereinsname führt, steckt hinter der norwegischen, und insbesondere hinter der schwedischen Bezeichnung eine inhaltliche Debatte.  Seit 1996 wurde in Schweden, und davon beeinflusst auch in anderen Ländern, nordisk sedforn sed oder "Alte Sitte" sowie folktro "Volksglaube" in bewusster inhaltlicher Abgrenzung von Ásatrú (Asetro, Asatro, Åsatru) verwendet. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Begriffen führte in Schweden zur Bildung eines Nätverket Forn Sed (2004) als Abspaltung vom älteren Asatrosamfund. Die völlige Ablehnung jeglicher Verbindung zu Ásatrú und den damit verbundenen esoterischen und rekonstruktionistischen Facetten des Heidentums wie sie das Samfälligheten för Nordisk Sed betont wurde auch als funtrad (für fundamentalistisk traditionalisme) bezeichnet  (die hier als Sachfrage dargestellte Debatte war natürlich, wie immer in solchen Fällen, auch durch persönliche Animositäten befeuert). 

Der schwedische Begriff fand in der Übersetzung "Alte Sitte" ab 2003 in der Schweiz einen Niederschlag, ab etwa 2007 auch in der althochdeutschen Übertragung als der firno situ, seit 2012 als Vereinsname Firner Situ. Auch etwa 2007 taucht zudem die altenglische Form fyrn sidu auf, allerdings scheint sich im angelsächsischen Sprachraum eher die Bezeichnung Heathenry/Heathenism durchzusetzen. Aus Thüringen erscheint der Ausdruck 2009 als Firni Situ, später dann Firne Sitte.

In Schweden kam es schliesslich 2010 zu einer Umbenennung  des vormaligen Asatrosamfund in Samfundet Forn Sed, wodurch scheinbar eine Wiedervereinigung mit dem dissidenten Nätverket Forn Sed möglich wurde.  Gunnar Creutz hat 2009 in der Zeitschrift des Samfundet, Mimers källa no. 22, einen Artikel zu dieser Umbenennung veröffentlicht (nützlicherweise hier bereits verdeutscht von A. Zautner). Nach mehr als zehn Jahren terminologischer Haarspalterei hatte man endlich mal genug und wollte den Namen mit der weitesten Akzeptanz. Samfundet Forn Sed stellt nun den Begriff asatro als etwas unglücklich gewählt, anerkennt ihn aber immer noch als Bestandteil des inzwischen bevorzugten forn sed. In ähnlicher Weise bezeichnet das norwegische Foreningen Forn Sed die Verwendung von åsatro als "irreführend" (misvisende). Damit scheint die Situation in Schweden seit etwa 2009 so zu sein, dass forn sed als Überbegriff für eine Bewegung steht, die asatro als "irreführendes" aber nunmal etabliertes Synonym weiterführt. Die funtrad-Fraktion, die jede Verbindung mit asatro entschieden ablehnt, wird gebildet von der Samfälligheten för Nordisk Sed, und verwendet die Bezeichnung  nordisk sed (daneben folktro und hedendom, aber nicht das inzwischen "inklusivische" forn sed).


Bedeutung

Die Bevorzugung des Begriffs Forn Sed gegenüber Ásatrú hat also ihren Ursprung in der Bemühung um eine neuheidnische Identität in Skandinavien in der Zeit zwischen etwa 1996 und 2000. Es geht um eine begriffliche und konzeptionelle Abgrenzung von (mindestens) drei unterschiedlichen Zugängen zu neuheidnischer Spiritualität oder Religion.
  1. eklektisch (esoterisch, synkretistisch): Das wären "New Age" Heiden, die sich lose an historischen Religionen orientieren, aber letztlich an einer neuen, persönlichen Spritualität interessiert sind ("unverified personal gnosis")
  2. historisch-rekonstruktionistisch: Der Versuch, eine vorchristliche Religion aus historischen Quellen so genau wie möglich zu rekonstruieren ("polytheistic reconstructionism")
  3. folkloristisch-traditionalistisch: Der Versuch, überliefertes Brauchtum und Volksglauben als lebendige Spiritualität zu deuten ("Alte Sitte", forn sed, firner situ).
"Alte Sitte" kann pragmatisch oder fundamentalistisch (funtrad) betrieben werden; Ein pragmatischer Zugang wird komplementäre eklektische und rekonstruktionistische Komponenten zulassen. Reiner Eklektizismus wird aber sicher verworfen, weil man sich an einer spezifischen regionalen, ethnischen Tradition von Brauchtum und Volksglauben orientieren will. Und reiner Rekonstruktionismus wird deshalb abgelehnt, weil davon ausgegangen wird, dass die Tradition gar nie unterbrochen wurde oder "starb" sondern in veränderter Form lebendig auf uns gekommen ist, und daher nicht "rekonstruiert" zu werden braucht.

Bei der terminologischen Abgrenzung von "Alter Sitte" im Gegensatz zu "Asatru" vermischen sich demnach zwei Fragenkomplexe: einerseits die Frage nach dem Verständnis eines neuheidnischen Theismus bzw. Götterkults, und andererseits das im Heidentum inhärente Streben nach einer Auseinandersetzung mit lokalen, regionalen und ethnischen Traditionen und Wurzeln.

Das Kunstwort Ásatrú wurde dafür kritisiert, dass es den Götterkult implizit als Hauptsache einer "heidnischen Religion" darstellt (von Puristen ausserdem dafür, dass es sich explizit auf die Asen beschränkt, also die zentralen aber beileibe nicht einzigen Göttergestalten der altnordischen Tradition).
Ein fundamentaler Unterschied zwischen polytheistischer und monotheistischer Theologie besteht nun aber gerade darin, dass im Monotheismus der eine Gott als Schöpfer und Herrscher des Universums absolut als Zentrum, Anfang und Ende von allem verstanden wird, während im Polytheismus ein vielgestaltiges, oft unklar abgegrenztes und im Fluss befindliches Pantheon wohl Gegenstand kultischer Verehrung ist, aber keineswegs dieselbe kosmisch zentrale Rolle einnimmt. Entsprechend kann im Heidentum die Götterverehrung niemals dieselbe zentrale Rolle einnehmen wie der Gottesdienst im Monotheismus. Es ist eine Eigenheit des Monotheismus, begründet in seiner Entstehungsgeschichte und der damit verbundenen Doppelbedeutung des Wortes Gott, wenn Götterverehrung als verwerflich, Ahnenverehrung dagegen als akzeptabel gesehen wird. Aus der Sicht des Heidentums gibt es keine qualitative Trennline zwischen Götter- und Ahnenverehrung. Deshalb schien es angebracht, die Bezeichnung für ein wiederbelebtes, modernes Heidentum nicht gerade an den Götterkult zu binden. Theismus und Götterverehrung kann, muss aber nicht Bestandteil einer Befassung mit firnem site sein.

Zweitens verweist das Kunstwort Ásatrú auf das eddaische, wikingerzeitliche Heidentum in Skandinavien, und durch seine Prägung in Griegs Oper auch mit den damit verbundenen Vorstellungen der Nationalromantik. Dass der Name Ásatrú in Island gewählt und geprägt wurde ist deshalb stimmig, da ein isländisches Neuheidentum jeglicher couleur sich auf das regionale Erbe berufen kann, wurde die Edda doch in Island, von einem Isländer und für Isländer kompiliert. Bereits bei einer Übernahme des Begriffs in Schweden, das doch mit Island mindestens bis im 7. oder 8. Jahrhundert durch eine gemeinsame altnordische Kultur verbunden ist, scheint eine zu grosse Edda-Lastigkeit als kultureller Fremdkörper empfunden zu werden. Viel eklatanter wird der Effekt bei einem "Export" von "Asatru" in den englisch- oder deutschsprachigen Raum. Selbstverständlich ist der gesamte germanischsprachige Raum verbunden durch kulturelle und sprachliche Eigenheiten, die in die Völkerwanderungszeit zurückreichen, und die isländische Tradition ist von hohem Wert für alle, die sich für diese Gemeinsamkeiten interessieren. Trotzdem mutet es etwas skurril an, wenn die Edda, letztlich eine Sammlung für den Gebrauch skaldischer Dichter im mittelalterlichen Island, so etwas wie die Hauptquelle oder gar die "heilige Schrift" für einen deutsch-, oder eben auch schwedischsprachigen Heiden wird.

Aufgeklärtes Heidentum 

Forn Sed bezeichnet daher nicht bloss eine aussparende oder agnostische Haltung was polytheistische Theologie betrifft, sondern gleichzeitig einen Ansatz, der sich an lokalen und regionalen Traditionen und Bräuchen orientiert. Solche Traditionen sind meist längst nicht mehr als religiös markiert, oder waren es gar nie. Bräuche wie die alemannische Fasnacht mögen allgemein lose als "heidnisch" bezeichnet werden, eine Trennung von vorchristlichen und nicht-vorchristlichen Bräuchen, oder aber eine Rekonstruktion der ältesten Form hinter einem überlieferten Brauch ist aber explizit nicht das Programm.   Vielmehr steht hinter forn sed das Projekt, lokale und regionale Traditionen und Folklore, seien sie nun säkular oder in einem religiösen Kontext (Weihnachten, Ostern) auf uns gekommen, in einen neuen, "heidnischen" Zusammenhang zu stellen. Ob dieser neue Zusammenhang nun als "religiös" betrachtet werden soll oder nicht, er ist auf jeden Fall spirituell, und geht damit deutlich über Volkskunde oder historische Rekonstruktion (historical reenactment) hinaus. Volkskunde, Sprachgeschichte, Archäologie und historische Überlieferung sind hier zudienende Wissenschaften; was dabei entstehen soll ist ein neuer, immer wieder vertiefter spiritueller Zugang zu den eigenen Wurzeln, der sich nicht eskapistisch in einem Fantasieland der Wikinger abspielt, sondern einen Platz in der modernen, aufgeklärten Welt sucht.

Also ein aufgeklärtes Heidentum. Für naive Atheisten ist "aufgeklärte Religion" sowieso ein Selbstwiderspruch. Das ist aber ein Irrtum, eine kindische Verwechslung des Begriffs der Wahrheit mit einem blossen Faktum oder booleschen "Wahrheitswert". Ein Faktum ist per se bedeutungslos, eine Wahrheit dagegen sinnbehaftet. Weder muss ein Faktum eine Wahrheit sein, noch eine Wahrheit ein Faktum. Nur aufgeklärte Spiritualität kann die beiden zusammenbringen. Das gilt für aufgeklärtes Christentum (das leider auch von vielen selbsterklärten Heiden völlig verkannt und unterschätzt wird) und erst recht für eine Zusammenstellung der scheinbaren Gegensätze von Aufklärung und Heidentum.
Durch unsere heutigen Informationsmöglichkeiten können wir unsere Traditionen in einen viel tieferen historischen Zusammenhang stellen, als das vormodernen Menschen möglich war. Wir können unsere Bräuche und unsere Sprache in einen Zusammenhang stellen, der viele Jahrhunderte, in manchen Fällen Jahrtausende, umspannt. Das setzt historische Forschung voraus, und ein tiefes Interesse an vergangenen Epochen, aber es ist nicht "Rekonstruktion", denn es soll ja nicht der Zustand einer bestimmten Zeitstufe wiederhergestellt werden, sondern die historische Tiefe von etwas, das als lebendig verstanden wird. Anders gesagt bekommt die "Tradition" oder eben der firne Sitt eine vierte Dimension, steht also nicht für einen bestimmten Zustand (etwa "Island, 10. Jh.", oder "Alemannien, 6. Jh.") sondern eine organische, transzendente Kraft, deren Medium die Zeit, die Geschichte und die Leben und Geschicke vieler, vieler Generationen ist: vor uns, in den vergangenen Jahrhunderten, und hinter uns, in den Jahrhunderten die auf uns folgen werden, und genau dazwischen wir selber, in der vorübergehenden und trotzdem ewigen Sonderrolle der gerade Lebendigen.

Kommentare:

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  2. Danke für den fundierten und interessanten Artikel, gerade die Abgrenzung zum Rekonstruktionismus finde ich sehr gelungen. Es würde mich freuen, öfter von dir zu lesen.
    Herzliche Grüße,
    Ulrike

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