Dienstag, 26. Juni 2012

Silber-Himmel Erchan-Zîu

Die Sprache ist unser direktestes Tor in die geschichtliche und frühgeschichtliche Vergangenheit (sagen wir, 100 bis 5000 Jahre zurück), so wie Menschengedächtnis und lebendige Tradition unser   Zugang zu neuerer Geschichte (10 bis 500 Jahre), und unsere Gestalt und Erbgut Zeuge der anthropologischen Frühgeschichte (1000 bis 50000 Jahre) sind. Aus der heute lebendigen Sprache lässt sich viel ableiten über Kulturen, Lebensumstände und Weltanschauungen vor 2000 oder 3000 Jahren, in einer Zeit und Weltgegend, die nie von einem antiken Ethnographen beschrieben wurde, und aus der wir sonst bloss die stummen Befunde der Archäologie besässen.  Nudel und Brezel weisen ins Mittelalter, Milch und Brot in die Eisenzeit, der Met und auch der Anken in die früheste Bronzezeit und das Wasser tief in die Jungsteinzeit. 


Manche Wörter verblassen, verschwinden unbemerkt aus dem täglichen Gebrauch, sie blieben vielleicht noch lange in seltener oder abgelegener Bedeutung ein Teil des Wortschatzes, und eines Tages sind sie bloss noch ein Eigenname, der unerklärt dasteht, aber als solcher erst recht unverändert weitergegeben wird. Irgendwann, nach vielen Jahrhunderten, sterben sie vielleicht ganz. Um solche versteinerten oder sterbenden Wörter wiederzufinden, brauchte es einen Jacob Grimm, der in den 1830ern die Ens in den bairischen Dachbalken aufspürte, und aus diversen Trümmern die Elbe (Älbe, "Elb, m. genius habe ich statt des unhochdeutschen elf hergestellt"). 


Solche fast ganz verlorenen Wörter üben auf mich eine ganz besondere Anziehung aus. Sie sind lebendige Zeugen aus ferner Zeit, wie ein uralter Baum, der vielleicht fast nur noch totes Holz ist, aber im Frühling an unerwarteter Stelle doch noch ein oder zwei frische Blätter hervorbringt. Diese Wörter bezeichneten einst Wichtiges, das dann mit dem Wandel der Geschichte vergessen ging, und sie mussten sich entweder in Dialekte oder  Fachvokabular zurückziehen, oder sie versteinerten in Orts- oder Personennamen, oder aber sie dienten als Allerweltswort, das täglich im Mund geführt wird, aber seinen alten Sinn verloren hat (wie etwa das Ding, wohl noch eher der Kern und Ursprung der westlichen Demokratie als was aus Athen oder Rom kam; oder das Hilfswerb sollen, das einmal  schicksalhafte Notwendigkeit oder schreckliche Verpflichtung ausdrückte).

Ein solches Wort, das wir heute fast ganz verloren haben, ist erch. Wie die Ens oder auch die Älbe gehörte es einmal in die höchste Sphäre mythologischer oder sogar religiöser Weltanschauung. Es mag sein, dass es diese Stellung durch die Christianisierung verlor, das ist aber keineswegs zwingend. Es lebte nämlich noch Jahrhunderte weiter, sogar in der Bibel selbst, wo David, der egregius psaltes  ("der beste Sänger") als der erchano sangheri eingedeutscht wurde, und certa lege ("nach [Gottes] gewissem Gesetz", Proverbia 8:27) als ercna euua (später kiuuissero eo, "nach gewisser Ee"). Diesem Adjektiv hing also kaum ein "heidnisches" Makel an, und es bezeichnete hier was Luther als das Ziel der göttlichen Schöpfung ausdrückte. Es war aber ein Adjektiv für besondere Fälle: benutzt für David, für Gottes Gesetz, und ausserdem noch für Superlative in der aristotelischen Philosophie (speciem specialissimam allero specierum erchenosta). Übersetzen würde man es vielleicht mit "echt, wahr". Aus dem  Gotischen haben wir ein unaírkns "unheilig, unrein, gottlos" (ἀνόσιος, in 1. Tim 1:9 unairknaim jah usweihaim, Luther: "den Unheiligen und Ungeistlichen"). Daraus dürfen wir schliessen, dass es einmal ein gotisches Wort aírkns gab, das ὅσιος übersetzt hätte, was soviel heisst wie "heilig, fromm,  [kultisch] rein". 


Ich vermute deshalb, dass dieses erch ein sehr altes germanisches Wort ist, das eine Bedeutung aus der religiösen Sphäre hatte, etwa "wahr, echt; rein, heilig". Ins Hochmittelalter hat es nur überlebt als Bestandteil von Personennamen wie Erchantrud, Erkenbrecht usw., und auch diese Namen verschwinden vor dem Ende des Mittelalters ganz (bis auf Erchanbald, das in Anlehnung an das Archi- in griechischen Namen zu Archibald wird). Aber Grimm führt ein Erchtag an als eine altheidnische benennung des dies Martis, die zu seiner Zeit noch als in Baiern üblich gelten konnte:
Unser Zîstig hiess bei den Baiern einmal Erchtag.

Es ist ja so, dass der südgermanische Wodan tatsächlich von der frühmittelalterlichen Kirche verteufelt und tabuisiert wurde: den Mittwoch kann man als aktiven Versuch deuten, den Namen dieses Gottes ganz zu tilgen. Dagegen scheinen die anderen Götter nicht aktiv bekämpft worden zu sein, sondern sie wurden einfach ihrem Schicksal, nämlich dem Verblassen und Vergessen, überlassen. So ist der Dienstag nicht etwa eine tabuisierende Ersetzung, sondern einfach eine volksetymologische Verunstaltung des Dingstag, wie auch Zinstag, beides frühmoderne Ersetzungen der nicht mehr verstandenen Elemente dings und zis. Noch mittelhochdeutsch war zistag gang und gäbe, und in der Schweiz hat sich der Zîstig ja bis heute erhalten. Nichts spricht also dagegen, dass auch das baierische Erchtag den Namen des Mars Thingsus, d.i. des Zîu, fortsetzen kann. 


Grimm zieht dann auch aus seinem Fund die schwerwiegendsten Schlüsse. In der ersten Ausgabe seiner Mythologie von 1835 (p. 134) identifiziert er ein  Er, Eor, Ir als alten Beinamen von Zîu, und assoziiert sofort die angelsächsische Rune  Ear, die nichts anderes sei als eine Variante der Tiw-Rune . Hier ist Grimm noch der Meinung, auf die poetische auslegung dieser Rune im angelsächsischen Runengedicht sei gar nichts zu geben  und behauptet die Angelsachsen hätten dieses Zeichen aus hochdeutschen alphabeten entlehnt, wo sie das neue Phonem z /t͡s/ bezeichnet habe. Nun ist im sogenannten "Markomannischen Alphabet" des Hrabanus Maurus tatsächlich neben dem Zeichen   tac auch ᛠ ziu vertreten. Das Alphabet von Hrabanus ist eine Mischung aus angelsächsischen und skandinavischen Runen mit der Absicht, das lateinische Alphabet nachzubilden. Dass der Buchstabe z ausgerechnet mit ziu benannt wird ist schon sehr suggestiv, aber trotzdem ist dieses Alphabet das Produkt eines karolingischen Gelehrten, dem die angelsächsische Runenschrift bestens bekannt war, und nichts erlaubt uns anzunehmen, hier einen Ausdruck eines alten (vorchristlichen) "hochdeutschen" Runenalphabets zu vermuten, das den Lautwandel tiu zu ziu nachzubilden versucht hätte, ähnlich wie angelsächsisch ᚩ ós für das ältere ᚨ ans einspringt


Noch viel gewagtere Schlüsse zieht Grimm in der zweiten Ausgabe der Mythologie von 1844 (p. 182):
Wie Zio dem Zeus als lenker der kriege identisch war, sehen wir auf den ersten blick, dass dieser Eor, Ear mit Ἄρης Zeus sohne zusammenfällt, udn weil Wotan bei den Deutschen des Zeus rang einnimmt, erscheint auch Tyr, folglich Eor als des höchsten Gottes Sohn.
und nun, im Gegensatz zu 1835, wird die Beschreibung der Rune im angelsächsischen Gedicht als aussagekräftig herangezogen, 



 [ear]  byþ egle eorla gehwylcum / ðonne fæstlice flæsc onginneþ / hraw colian, hrusan ceosan / blac to gebeddan; bleda gedreosaþ / wynna gewitaþ, wera geswicaþ.

 [ear] ist ekel für jeglichen Krieger, wenn das Fleisch fest beginnt, als Leiche zu kühlen und blass die Erde als Bettgenossin zu wählen; Atem endet, Freude vergeht, Treue schwindet. 
Dies wird nun auf den "würgenden Schlachtgott" bezogen, den Krieg wie ihn Ares repräsentiert, der keinen Sieg oder Ruhm mehr einbringt, sondern nur noch Tod und Untergang. Sollte sich das wirklich auf Eor-Zîu in seiner Rolle als Kriegsgott beziehen, was für ein Kontrast wäre das zum leuchtenden Himmels- und Gerechtigkeitsgott. Man müsste wohl annehmen, hier werde noch eine ganz alte, dunkle Seite des urgermanischen Hauptgottes Teiwaz reflektiert, die er später an den wichtiger werdenden Wodanaz abtrat. Grimm geht aber noch weiter, nicht genug, dass der Name Eor neben Ἄρης gestellt wird, Ἄρης lasse sich zudem neben ἄορ "Schwert" stellen, so dass Ares wie Eor-Ziu als ein Schwertgott wie auch also ein Schlachtgott in Erscheinung trete.

Bei allem Respekt vor Grimm, ich glaube, dass er sich hier zu einem Missgriff hat verleiten lassen, wie er sonst nur Philologen von weit geringerem Rang unterläuft, nämlich die Verlockung der Anklangs-Etymologie: Allzu stimmig war das Bild, das sich durch den Vergleich mit Ares ergab. Diese ganze Theorie ist hinfällig, wenn man ernst nimmt, dass der baierische Name des Dienstag eben Erchtag, erctac ist (wie derselbe Jacob Grimm in seinem Wörterbuch notiert) und ertag, irtag usw. nur Verschleifungen davon darstellen. Wenn wir hier also einen alten Beinamen oder Titel des Ziu gefunden haben, dann ist das Erch und nicht Eor. Erch-Zîu ist "der wahre, echte Ziu", oder wenn man will "der wahre, echte Gott". Das ist aufschlussreich, wenn man bedenkt, dass altnordisch týr ja ganz allgemein "Gott" heissen kann und nur nebenbei auch als Eigenname Týr (Zîu) erscheint. Das dahinterstehende urgerm. teiwaz entspricht etymologisch auch nicht genau dem idg. Himmelsgott Diēus (griechisch Ζεύς, indisch Dyaus), wie das oft verkürzt dargestellt wird (aus Diēus hätten wir statt einen Zîu wohl einen Zau), sondern eben "nur" dem idg. deiwos (lat. deus, altind. deva), dem Wort für "die Hellen, Leuchtenden", das sind die himmlischen Götter (im Gegensatz zu den chthonischen). Der alte Himmelsgott ist auch einer dieser Himmlischen, aber eben nicht irgendeiner, sondern der vorderste, wichtigste, eigentliche, althochdeutsch also eben der Erchan-Ziu. So interessant es ist, dass Hrabanus den Namen ziu für seine "Z-Rune" gewählt hat, die angelsächsische Rune ear hat damit nichts zu tun. Die zitierte Strophe aus dem Runengedicht beschreibt ja auch nicht einen gewaltsamen Tod im Krieg, sondern einfach die traurige und unerbittliche Realität der Sterblichkeit. Der Name Ear ist wohl das sehr archaische Wurzelnomen, aus dem der Name der Erde abgeleitet ist, angelsächsisch manchmal noch als eor- überliefert, und als ahd. ero im Wessobrunner Gebet, 
Dat ero ni uuas noh ufhimil   "Als weder Erde war noch Himmel oben"
(die germanische Bezeichnung erō, erweitert zu erþō, findet man sonst nur noch in ἔρα, einem griech. Wort für "Erde"), im Runengedicht also die kalte, nasse, dunkle Erde als Grab.

Also hat dieses  erch "wahr, echt, heilig" mit Schöpfung und Himmelsgott zu tun, aber nichts mit der Erde? Einen seiner seltenen Belege habe ich noch aufgespart, am Anfang des altenglischen Feld-Zaubers Æcerbot ("Ackerbusse"), 
 erce erce erce eorþan módor 
also etwa "Echte, Echte, Echte, Erdenmutter!" (d.i. "Mutter der Erde" und nicht etwa "Mutter Erde"), die Anrufung einer für die Fruchtbarkeit der Erde zuständige Göttin, die als "die Echte" gilt so wie Ziu als "der Echte". Auch dies ist Grimm nicht entgangen (p. 154, unter Nerthus).  Wenn aber einmal neben Erchaz Teiwaz dem "Echten Gott" eine Erchō Teiwō "Echte Göttin" stand, dann denke ich dabei  an Zisa (Cisa), die "Schwaben-Isis", eine nur noch vermutete Ehefrau des Ziu, die ihren Namen von dem ihres Gemahls ableitet, so wie neben dem (dodonischen) Zeus eine Dione stand. 

Aus dem oben Dargelegten wird, denke ich, eindrücklich, dass das verlorene Adjektiv erch einmal eine tiefe, fast theologische oder ontologische Bedeutung hatte. Das an seine Stelle getretene echt ist noch jung (Luther kennt es nicht), scheinbar im 16. Jh. geformt als eine niederländische Form von ēhaft "rechtmässig".

Bei der Frage nach der Herkunft und ursprünglichen Bedeutung dieses erch hilft uns ein letzter Beleg, nämlich der altenglische eorcnan-stan "Edelstein". Am ehesten kommt das Wort nämlich aus der idg. Wurzel arǵ, die soviel bedeutete wie "weiss; glitzern, leuchten". Weil es erch und nicht arch heisst, gilt diese Erklärung aber als unsicher: Allenfalls wurde auch noch eine Vermischung dieser Wurzel mit einer anderen, die im Sanskrit arc "lobpreisen, verehren" ergab, vermutet (Pokorny pp. 64f., 340; erst recht landen wir bei so einer Vermischung bei einer sehr sakralen Bedeutung).


In vielen Sprachen wurde von arǵ das Wort für Silber gebildet (lat. argentum). Der Edelstein ist so nicht nur der "echte Stein, der Stein par excellence", sondern eben auch wörtlich der "glitzernde Stein". Genauso ist Ziu als der Hauptgott nicht nur der "echte Gott, der Gott par excellence", sondern als Himmelsgott auch der "helle, leuchtende Gott". 

Silber und Gold gehören zu den ersten Metallen, die dem Neolithikum zugänglich wurden. In der Varna-Kultur wohl bereits um die Zeit vor 7000 Jahren. Bis dahin war keine vergleichbare irdische Substanz bekannt gewesen, und der Glanz der Edelmetalle wurde wohl ganz mit dem Glanz der Gestirne gleichgesetzt (wie wir ja auch ganz ungezwungen die Sonne als golden und den Mond als silbern beschreiben). Die Indogermanen benannten die beiden Metalle nach zwei Arten des "Leuchtens", arǵ-, das helle, lebendige Glitzern in der Sonne, und aus-, das majestätische Leuchten der Morgenröte (lateinisch wurde daraus argentum "Silber" und aurum "Gold"). Die Germanen haben beide Metalle umbenannt, Silber ist unbekannter Herkunft (manchmal wird, mehr aus Verlegenheit, assyrischer Ursprung behauptet), und Gold ist das "gelbe" oder "glühende" Metall. Das alte Wort für das "goldene" Leuchten des Zwielichts bleibt uns vertraut im Namen der Oster (und im Osten, wo dieses Leuchten sichtbar wird). Das alte Wort für das "silberne" Leuchten des hellen Tags dagegen hatte ich verloren geglaubt, bis ich es in erch, dem alten Wort für alles, was den Tag- Himmels-, Gerichts- und Hauptgott betrifft, wiedergefunden habe. 


Montag, 7. Mai 2012

so hat die Nacht der Oster weichen müssen

Seit einiger Zeit will ich hier etwas über Wotan schreiben. Doch das ist wohl das Schwierigste überhaupt; wer Wotan verstanden hat, denke ich, hat alles verstanden. Und wer hat schon alles verstanden?
Und dann ist es noch Mai. Wenn Grímnir sich jemals zu erkennen gibt, dann sicher in den finsteren, eisigen Rauhnächten und nicht an einem lauen Abend im Mai.
Nein, der Mai gehört deAustrō, der Oster, und wie ein Hesiod oder auch ein Milton die Musen anriefe, muss ich ihr zuerst die Ehre geben. Deshalb krame ich eine Strophe hervor aus einem der schönsten Oster-Hymnen aus dem Rigveda, gedichtet oder ("gehört") vor drei Jahrtausenden irgendwo im Hindukusch von Kakṣīvān Dairghatamas (mehr hier).

 idáṃ śréṣṭhaṃ jyótiṣāṃ jyótir âgāc
 citráḥ praketó ajaniṣṭa víbhvā 
 yáthā prásūtā savitúḥ savâyaṁ 
 evâ râtrī uṣáse yónim āraik

Ralph T.H. Griffith hat das 1896 so nachgedichtet:


 This light is come, amid all lights the fairest; 
 born is the brilliant, far-extending brightness.
 Night, sent away for Savitar's uprising, 
 hath yielded up a birth-place for the Morning.


Griffith's Übersetzung ist sehr gut. Sie wird gerne unterschätzt, weil sie nicht mit gelehrten Fussnoten gespickt ist und sich einige sprachliche Freiheiten erlaubt, die Wörtlichkeit der Sinntreue opfert. Aber sinntreu ist sie, und das erst noch silbenzählend (jede englische Zeile hat 11 Silben, genau wie im Original; metri causa schreibt er Morning statt Dawn, und Savitar bleibt unübersetzt, eigentlich "Erreger, Erwecker", d.i. die Sonne unmittelbar vor ihrem Aufgang). 
Deutsch kann ich  folgende Übersetzung anbieten:


 Dies Licht, schönstes der Lichter, ist gekommen, 
 Der Helle Schein geboren, fernhin leuchtend,
 den Aufgang des Erweckers vorbereitend,
 so hat die Nacht der Oster weichen müssen.


Wobei Oster natürlich nicht für Pâques (פסח) steht, den "beweglichen Feiertag", dem wir den ganzen Computus und dadurch immerhin die abendländische Mathematik verdanken, sondern für Austrō, d.i. Uṣás, die uralte, blutjunge Göttin des Morgenrots, des Frühlings und des verheissungsvollen Anfangs überhaupt. 


Hätte Kakṣīvān dieses Lied noch fünfzehn, zwanzig Jahrhundete früher gesungen, hätte es vielleicht so geklungen:


 hidom kreisthom dyūtisom dyūtis ēgwemt
 skitros prokeitos ēgenisto dwi-bhuwanm
 yodeh pro-sūteh seviturs seveyom
 eyeh lātrih Husosei younim ēleikwt


"dies schönstes der Lichter Licht ist gekommen, die glänzende Er-Scheinung ist geworden, die weithin-werdende, um das  Wachen des Weckers zu erwecken [3fache fig. etym., praktisch unübersetzbar], ja!, die Nacht hat der Oster einen Ursprungsort überlassen."


und hätte schliesslich wiederum dreissig Jahrhunderte später sich ein früher Germane dunkel an diese Strophe erinnert, würde er vielleicht gesungen haben:


 þes skaunista skîmamiz skîma kwumana,  
 leuhta wurdana berhta, wîda-raikjanda,
 wakjârjas umbi wakanai wîkanô 
 ja nahts, lahtra Austrôi lêtandô.  


"dieser, schönster der Scheine,  Schein [ist ge]kommen / Leuchten [ist] worden helles, weit-reichendes / um des Weckers [Er]Wachen [ist ge]wichen / ja die Nacht, [ein] Lager der Oster lassend." 

Das Licht ist gekommen, Tatsache und Heilsbotschaft in einem, das allerschönste weil das allerfrüheste, allererste, wer bräuchte da noch Theologie oder sonstwelchen Trost. Die Nacht musste weichen, der Anfang ist gemacht, und alles andere wird folgen -- aber in diesem Moment, in diesem ewigen ersten Licht bevor der Tag kommt, ist es nur erst erahnt, blosse Möglichkeit und Vorfreude. 
Wen wundert es, dass diese jahrtausendealte Hoffnung auf einen neuen Tag, ein neues Jahr, ein neues Licht und eine neue Welt schliesslich ihren Namen der neuen Verheissung verlieh, der Tod ist verschlungen in den Sieg -- sofern das nicht eben auch schon die alte war. Aber das ist Theologie, und wer im Morgenrot steht, der braucht das nicht.

Freitag, 17. Februar 2012

Somafera

Die Informationen in diesem Artikel beruhen ausschliesslich auf Online-Recherche. Zweck dieser Seite ist die Illustration des historischen und ideellen Hintergrundes unseres Ziuwig.

Kin of the Old Gods

Kin of the Old Gods war eine neuheidnische Gruppe in Maine,  1996 gegründet, die erstmals  im Jahr 2000 online in Erscheinung trat, und gleichzeitig ihren Bruch mit Wicca bekanntgab. Die Bezeichnung, die diese vier Leute für ihren Zugang zum Heidentum wählten war Pre-Revivalist. Dies entsprach in etwa dem Inhalt von forn sed, vor allem motiviert durch die Ablehnung einer "pseudo-keltischen" New Age Religion.

Von ihrem Magazin Di Veteres und von der Gruppe überhaupt sind nur spärliche Zeugnisse erhalten in Form von archive.org caches einer alten geocities homepage, datiert auf Oktober 1999. Di Veteres erschien scheinbar während zwei Jahren auf Papier, und dann während des Jahres 2000 online. Bereits 2001 löste sich Kin of the Old Gods auf.

Wayland und der Berserkergang

Einer der vier aktiven Mitglieder von Kin of the Old Gods schrieb unter dem Pseudonym Wayland Skallagrimsson (nach US-amerikanischer Sitte geben sich Asatruar ein altnordischen Namen, inklusive eines fiktiven Patronyms). Wayland war zu diesem Zeitpunkt ein Physikstudent, und bezeichnete sich bereits damals als Asatru priest dedicated to Odin. Ab 2002 publizierte er auf einer eigenen Website lesenswerte Aufsätze, einige davon dann 2005 auch in Buchform, etwa einen Text über Scientific Magic. Hier von Interesse sind jedoch v.a. seine Schriften zum Berserkergang; ein Artikel, der sich bereits  2002 auf years of study and dedication berief, stellt den fundiertesten mir bekannten Bericht von jemandem dar, der sich ernsthaft im Selbstversuch mit diesem Thema befasst hat. Seit 2007 ist seine Website unter der Domain uppsalaonline.com.

Somafera und Jähzorn

Ab etwa 2004 benutzte Wayland den Begriff somafera. Es ist dies sein selbst erfundenes Wort für das Phänomen des Berserkergangs betrachtet aus einer kulturell neutralen Perspektive, also nicht notwendigerweise mit Odin oder der Wikingerzeit zusammenhängend sondern eine spirituelle und physische (oder eben psychosomatische) Erfahrung die jeder menschlichen Erfahrung zugänglich ist.
Das Wort somafera ist dabei nicht unbedingt sehr glücklich gewählt, nach Waylands Aussage a combination of Greek and Latin translating as  "the body wild". Gemeint also vermutlich lat. ferus "wild" und gr. τό σῶμα "Körper". Die gewünschte Bedeutung ergäbe sich also eher durch soma ferum, oder wohl doch besser (damit es nicht zusehr nach somniferum tönt) theriosoma. Aber das sind philologische Spitzfindigkeiten. 

Unter die historischen Ausprägungen dieses Phänomens zählt er neben den Berserkern und (für Alemannen interessant) den Perchtenlauf auch die Mänaden, den "warp-spasm" (ríastrad) des Cuchulain, und andere ekstatische Traditionen wie die Whirling Dervishes, die nordamerikanischen Ghost Dance und Sun Dance, ebenso wie ekstatische Formen der nordamerikanischen Pfingstbewegung und anderes. Somafera ist das, was in der germanischen Tradition wōd- "Wut" heisst,  das charakteristische Hauptattribut des "Germanischen Merkur" Wōdinaz. Die Erfahrung dieses Zustandes ist aber offensichtlich nicht einer einzelnen Kultur oder Tradition vorbehalten, sondern anthropologisch gesprochen universal. Sie ist aber dennoch nicht jedem zugänglich, sondern eine individuelle Anlage. Diese "Begabung" ist keineswegs etwas durchwegs erfreuliches, sondern tritt vorwiegend als psychische Störung auf, umgangssprachlich als Jähzorn,  die psychiatrische Medizin hat dafür die Bezeichnung intermittent explosive disorder (IED), zumindest im angelsächsischen Raum; international spricht man allgemein von Störung der Impulskontrolle, worunter insbesondere Spielsucht, Pyromanie, Kleptomanie, sowie "pathologisches Haarezupfen" fallen, alles nicht unbedingt Symptome, die allzunahe an Jähzorn liegen. In der deutschsprachigen Psychiatrie scheint der Umgang mit Jähzorn als eigenständigem Symptom eher stiefmütterlich gewesen zu sein (ein Umstand, der allein für sich eine vertiefte Betrachtung verdiente). Gängig ist es wohl, Jähzorn als einen von vielen Indikatoren im weiten Feld der pseudo-Diagnose "ADHS" unterzubringen. Immerhin erschien 2007 in Buch zum Thema, von einem Theodor Itten (Springer Verlag), angeblich "das erste deutschsprachige Buch, das Jähzorn öffentlich thematisiert".

Waylands Somafera Theorie (IED and the Berserkergang) besagt, dass im Individuum eine Tendenz zu Jähzorn bzw. IED angelegt sein kann, und zwar vermutlich erblich. Die religiösen Traditionen der Welt entwickelten Formen, in denen diese Veranlagung rituell oder kultisch zum Ausdruck kommen konnte. Im Christentum wird die Erfahrung der Ekstase durch die Pfingst-Erfahrung des Heligen Geistes auf eine "gewaltfreie" Ebene sublimiert, aber am lunatic fringe des Christentums (also bei den Quäkern und Pfingstlern Nordamerikas) entwickelten sich dennoch wieder Formen, die sich nahtlos in die Komparatistik einreihen.

Somafera ist der Zustand, der psychiatrisch als IED beschrieben würde. Es ist unbestritten, dass diese Symptome problematisch sind, und Behandlung oder Therapie benötigen, denn besonders im engen, urbanen Zusammenleben, aber letzlich überhaupt in jeder Gesellschaft, ist ein Jähzorniger eine Bedrohung für andere und sich selbst. Nur in Ausnahmefällen, also etwa auf den Schlachtfeldern der Völkerwanderungs- und Wikingerzeit, können diese Ausbrüche als gesellschaftlich nützlich gelten. Was wir von den vorchristlichen Traditionen über den Umgang mit diesem Phänomen lernen können, ist ihre Kultivierung in einem rituellen Kontext. Es ist ein psychologischer Gemeinplatz, dass, was verdrängt oder unterdrückt wird, umso unkontrollierter wieder hervorbrechen muss. Dann hilft nur noch Symptombekämpfung durch Psychopharmaka. Dies gilt auch für "durchschnittliche" Aggression, man muss nicht ein geborener Berserker bzw. IED-Patient sein, um festzustellen, dass Aggression gemanaged werden muss. Hier sind wir mitten in der "Killerspiele"-Diskussion über "Katharsis-Effekt" vs. "Abstumpfungs-Effekt". Beide Effekte sind real: Aggression, die in klar abgegrenztem, rituellem Rahmen praktiziert wird, führt zu einer Katharsis. Im Gegenteil dazu führt unreflektierte, unkontrollierte Aggression zu einer Abstumpfung und in eine Spirale zu immer mehr Aggression.

Somafera als Kampfkunst

Jähzorn bzw. IED kann ernsthafte, pathologische Formen annehmen, die schulmedizinisch oder psychiatrisch behandelt werden sollen. Nein, es war auch in der Wikingerzeit nicht einfach nur cool, ein Berserker zu sein. Skalla-Grímr, der Vater Egils, tötete in einem Wutanfall einen Nachbarsbub, und hätte auch seinen eigenen Sohn getötet, wenn nicht eine Dienerin dazwischen gegangen wäre. Egil selbst tötete im Jähzorn einen Spielkameraden mit der Axt als er sieben Jahre alt war. Auch im zehnten Jahrhundert machte man sich mit solchem Verhalten keine Freunde. 

Solange aber ein kathartischer Effekt eintritt, kann es aber wünschenswert sein, derartige Ausbrüche von Aggression in einer geschützten Umgebung ausleben zu können. Deshalb werden schwererziehbare, gewalttätige Jugendliche in Kampfsportkurse geschickt. Natürlich kann man nicht einfach einen Problemburschen in einen Kickboxing-Club schicken und das Gefühl haben, das Problem löse sich damit von selbst. Wenn aber der Rahmen stimmt, wird der kathartische Effekt eintreten: Angebote für Kinder und Jugendliche gibt es unter den Begriffen "Therapeutisches Ringen" und "Kampf-Spiele".

Unter erwachsenen Berserkern darf es auch etwas mehr zur Sache gehen, solange ein würdiger ritueller Rahmen gewahrt ist. Diese Idee hat  Wayland seit 2005 in die Praxis umgesetzt, mit einem "Shieldbiter's Cup", dem unter dem Titel Somafera as a Martial Art eine separate Seite gewidmet wurde. Es ist mir nicht bekannt, ob dieser Anlass heuer (2012) immer noch stattfindet, aber zum mindesten vier Jahre lang gab es ein Treffen im Helena National Forest in Montana (daher "Rillway Combatives Academy"). Der "Shieldbiter's Cup" war vordergründig ein Kampfsport-Turnier, mit gängiger Schutzausrüstung und Regeln ähnlich derer von MMA-Kämpfen. Die meisten Teilnehmer waren auch ausgebildet in einem Kampfsport oder in Selbstverteidigung. Das Besondere an diesen Turnieren war, dass die Teilnehmer sich als Berserker verstanden, und ausdrücklich versuchten, durch Training und Meditation, während des Kampfes in den Trancezustand des Berserkergangs zu erreichen.