Mittwoch, 16. März 2016

Homo migrans II

Wir müssen über "Migration" reden. Längst ist es nicht mehr Liebhaberei oder Expertenwissen, informiert zu sein, was das ist bzw. nicht ist.

In Teil 1 habe ich versucht, die Faktenlage in Europa übersichtsweise darzustellen: Sprachwandel findet auf verschiedene Weise statt, hat aber immer mit Migration zu tun, sei es durch Vertreibung, oder Vernichtung, oder aber durch langsamem demographischem Wandel und allmählicher Assimilation verschiedener Gruppen.

Es wird klar, dass in Europa grosse Unterschiede darin bestehen, wie lange die jeweils vorherrschende Sprache bereits vor Ort gesprochen wurde. Dabei empfinden sich Bevölkerungen als autochthon, die deutlich mehr als 500 Jahre einheimisch waren: Ein Engländer in Kent und ein Grieche in Kreta verstehen sich als Mitglied von Völkern, die gleichermassen seit "urdenklichen Zeiten" lokal ansässig waren, auch wenn es beim Engländer 1500 Jahre und beim Griechen 3500 Jahre sind: "urdenklich" heisst nämlich "seit mehr als 500 Jahren".

Denn im Gegensatz dazu empfinden Bevölkerungen, die seit weniger als 500 Jahren ansässig sind, sich durchaus als Nachkommen einer Wanderung: Ein Engländer in Belfast genausogut wie ein Amerikaner in Neuengland, ein Türke in Istanbul und ein Russe in Jalta wissen, dass sie zuvor ansässige Völker, die meist als Minderheit weiter vorhanden bleiben, verdrängt haben. Die Erinnerung an die eigene Wanderung und die vorgefundenen Einheimischen bleibt lebendig, in Lehnwörtern und Ortsnamen, Landnahme-Sagen, usw.

Dies deutet auf eine "Kohärenzlänge" in der natürlichen, anthropologischen Entwicklung von Völkern und Stämmen, die im Bereich von etwa 300 bis 500 Jahren, oder grob gesagt zehn bis zwanzig Generationen, liegt. Dies ist eine natürliche Grenze der mündlichen Überlieferung die man immer wieder antrifft. 500 Jahre ist dabei die weit entfernte, graue Vorzeit, die längste Dauer, nach der historische Ereignisse noch halbwegs identifizierbar bleiben (etwa Homers Erzählung des trojanischen Kriegs); länger Zurückliegendes nimmt dagegen zunehmend den Anstrich allgemeiner kosmologischer Mythen an, die ihren historischen Gehalt verlieren.

Legendäre Gründer liegen jeweils ungefähr so weit in der Vergangenheit, sei es Romulus in der Erzählung von Quintus Fabius Pictor  (750...250 v. Chr.) oder Moses in der ältesten biblischen Überlieferung (1200...700 v. Chr.) oder Karl der Grosse in mittelalterlicher Legende (800...1200, die Sage vom schlafenden Barbarossa (starb 1190) dagegen wie bestellt erstmals um 1680). Figuren, die viel älter sind, verlieren ihren Bezug zur eigenen Geschichte und werden mythologische Helden oder Götter (Deukalion, Abraham/Noah, Herkules, ...).

Die genealogische Erinnerung an die eigenen, persönlichen Vorfahren ist wesentlich kürzer. Genauer gesagt: etwa viermal kürzer, sie reicht von etwa zwei bis fünf Generationen. Zwei Generationen sind die eigenen Grosseltern, von denen die meisten Menschen mindestens durch Erzählungen einen individuellen Eindruck haben. Fünf Generationen entspräche den "32 Anichen", d.i. den Ur-ur-urgrosseltern. Kaum jemand, der nicht aus einer adligen (oder allenfalls rabbinischen) Ehe stammt, kann seine 32 Anichen benennen. Generation 6, die "64 Uranichen", kennt vielleicht gerade noch der Hochadel, die 128 Vorfahren aus Generation 7 nicht einmal eine Königin Elisabeth.

Unsere eigenen Gründerfiguren der grauen Vorzeit, sofern wir unsere Identität aus unserer Umgebung und nicht aus Archiven konstruieren, hätten damit in der Reformationszeit gelebt, mit ihrem Personal aus Reformatoren, Wiedertäufern, Jesuiten, Pappenheimern, ... Und tatsächlich sind es die Ereignisse aus Reformation und Frühmoderne, die unsere regionale Identitäten und unsere Landkarten prägen (oder prägten, bis zumindest die Urbanen unter uns seit etwa den 1980ern in Subkulturen fragmentierten und nun glauben, dass wir unsere Identität jederzeit komplett neu designen können, dürfen und sollen).

Tell und Winkelried dagegen wären  (nach unserer "500-Jahre-Regel") die "Gründerväter" für das 19. Jh. -- und tatsächlich waren sie dies auch! Wenn also heute eine Geschichtslehrerin die Gründungszeit mit Eidgenossen als "Nationalmythos" abtut, hat das vielleicht weniger damit zu tun, dass sie ach-so kritisch-aufgeklärt sozialisiert wurde, als dass die alten Eidgenossen inzwischen aus dem natürlichen 20-Generationen-Fenster rausgerutscht sind und ganz "anthropologisch korrekt" nicht mehr als geschichtliche Überlieferung wahrgenommen werden (obwohl sie das natürlich sind, aber eben historische geschichtliche Überlieferung, d.h. wirksam für die Generation um 1800 und nicht um 2000).

Diese Einsichten möchte ich im Folgenden verwenden, um Aussagen im Stil von "Niemand war schon immer da" (Schweizerisches Landesmuseum), "ein einzig Volk von Immigranten" (Orell Füssli 2000), gerne und oft als Überschrift von Auseinandersetzungen mit Migrationsgeschichte eingesetzt, kritisch zu würdigen.






Dienstag, 15. März 2016

Homo migrans


Oben steht eine ethno-linguistische Karte Europas in etwas ungewohnter Gestalt: Statt Völker oder Isoglossen markiert sie Kontinuität bzw. Isochronen: Dunkleres Rot bezeichnet Gebiete, deren vorherrschende Sprachen als autochthon gelten dürfen, gelb und khaki dagegen Gebiete, die rezentem demographischen und linguistischem Wandel unterworfen waren.

■ [dunkelrot]: linguistische Kontinuität seit der Eisenzeit, Sprachen, die auf die indogermanische Besiedlung Europas in der Bronzezeit zurückgehen: Germanen in Skandinavien, Lateiner in Latium, Griechen in Griechenland, Balten im Baltikum, Slawen in Osteuropa, Kaukasier im Kaukasus, usw.; sicher erst eisenzeitlich (6. Jh.?) die armenische und iranische Präsenz im ostanatolischen Hochland. Alle Gebiete, die nicht in dunkelrot sind, deuten auf Invasionen und Landnahmen während der letzten 2500 Jahre.
■ [rot]: Wanderungen in der vorchristlichen Antike, namentlich die römische Eroberung Italiens und die allmähliche Verdrängung von Etruskisch und anderer alter Sprachen zugunsten von Latein, die eisenzeitliche germanische Ausdehnung in Skandinavien und südlich bis an die Rheinmündung und nach Mitteldeutschland. Von der la-tène-zeitlichen keltischen Ausdehnung sind nur noch die westlichen Ränder auf den britischen Inseln sichtbar. Auch angedeutet (aber "ohne Gewähr") sind die Herausbildung einer "ur-albanischen" Gruppe im Balkan und, ausserhalb Europas, die frühe iranische (kurdische) Ausdehnung an den Euphrates und die zunehmende arabische Präsenz in der arabischen Wüste.
■ [orange]: Das römische Reich und die Völkerwanderung der Spätantike: Latinisierung von Norditalien und Teilen von Gallien und Hispanien (angedeutet ausserdem ein rumänisches Kerngebiet in Wallachien). Die germanische Wanderung an den Hochrhein, die angelsächsische Siedlung in Britannien, die slawische Ausdehnung in Osteuropa, die britische Siedlung in der Bertagne. Im Osten sichtbar ist die arabische Präsenz bis an den Jordan. Ossetien (Alanien) als letzter Rest ostiranischen Präsenz in der pontischen Steppe.
■ [hellorange]: Die Geschichte des frühen Mittelalters: spätestens diese Phase erzeugt ethnische Bruchstellen in Europa, die bis heute für Konflikte und böses Blut sorgen. Die fortschreitende Landnahme der Angelsachsen auf Kosten der Briten, gleichzeitig die gälische Wanderung nach Schottland. Die norwegische Besiedlung Islands. Die Romanisierung des gallischen und iberischen Kernlands. Die germanische Besiedlung der Schweiz und Österreichs, die ungarische Invasion Pannoniens, die slawische Besiedlung des Balkans, Böhmens und der Rus, die türkische Wanderung in die kaspische Steppe, und nicht zuletzt natürlich die islamische Invasion und folgende Arabisierung der Levante, Syriens, des Zweistromlands, Ägyptens und Nordafrikas.
■ [gelb]: Landnahmen in späteren Mittelalter: Englische Eroberungen und Anglisierung in Schottland, Irland und Wales. Deutsche Ostsiedlung. Ausdehnung der Rus an die Wolga und nach Perm. Romanisierung in der Bretagne und im Baskenland, zunehmende Arabisierung des Maghreb. Türkische Eroberung Anatoliens. Die Walserwanderung in den Alpen. Die Reconquista. Etwas unklar die Situation der Südwestukraine (Karpathenukraine, Halych, Odessa), wohl früh slawisch, dann aber zwischenzeitlich ungarisch bzw. türkisch.
■ [khaki]: Frühmoderne und moderne Geschichte: Fortschreitender Rückgang der Inselkeltischen Sprachen, ebenso zunehmende Verdrängung von Baskisch, Rätoromanisch und Berbersprachen. Ende des Tatarenjochs und Ausdehnung Moskowiens in der Frühmoderne. Der Fall von Byzanz und das osmanische Reich. Demographischer Wandel im Kosovo. Zaristische Landnahmen (Karelien, Ukraine/Donbass/Westkaukasus/Manytsch-Senke und links der Wolga, dazu Mongolen in Kalmückien). Im 20. Jh.: rumänisches Transylvanien; armenischer Völkermord; Vertreibung der Deutschen aus Polen und Tschechien; Israel; Nordzypern.


Samstag, 26. Dezember 2015

Vorbrand


  Wenn das ein Traum war — was war dann Wirklichkeit? Es war eine Begegnung in der Losnacht, ein Schicksalsgesicht. Er fühlte keine Furcht. Es war sehr kalt, aber zugleich siedend, wie flüssige Luft. Und nicht nur die Eltern, auch die Ahnen waren nahe in diesem Wallgraben. Heute war eine ihrer großen Nächte, ein Totenfest. Sie drängten aus dem hohlen Berg hervor.
  Der Horizont war hell geworden, der Umkreis flackerte. Es war eine große Unruhe. Waren es Wagen, Vieh und Pferde, was er im Flackern ahnte, waren es eiserne Maschinen oder Dinge ganz unbekannter Art? Der Wind pfiff über die weiten Ebenen. Die Brände leuchteten. Von ferne hörte man das Wolfsgeheul. Der Eiswind kam aus den Wolfsländern. Er klirrte am Grabenrand.
  Es herrschte die Verzweiflung, die auf Erden stets wiederkehrt. Die Erde war Staub, war Schauplatz des Untergangs und seiner Schrecken; sie lechzte nach Blutopfern. Die Rudel kamen näher und kreisten um die Wallburg; sie brachen hier und dort schon in den Graben ein. Die Flammen schlugen bis an das Gewölbe; Schlösser und Städte, Frucht und Kornland gingen in ihren Wirbeln auf. Die Lindenbäume an den Brunnen glühten, die Eichenhaine, in denen die Mistel der goldenen Sichel harrte, lohten als Fackeln in die Nacht.
  Und wieder hörte man, daß diese Wölfe nur Treiber waren; mit ihrem Heulen kündeten sie den grauen Stammherrn, der sichtbar wurde hinter seinen Meuten, so wie das Schicksal sichtbar wurde im Flammenmeer. Die Ketten sprangen, die Wölfe wurden frei. Das war die Lohe, die man in solchen Nächten als Vorbrand schaute von Irland bis zum Nordweg und von den Schlössern Westfalens bis zu den Türmen, um deren Helme der Tiroler Adler kreist.

Ernst Jünger, Besuch auf Godenholm (1952)


Freitag, 17. Juli 2015

Europa

Europa ist zum Schimpfwort geworden, zum Kurznamen einer zynischen Elite, die im unerschüttlichen Habitus von manifest destiny an einer kafkaesken Dystopie bastelt. 

Ein guter Moment, sich in Erinnerung zu rufen, was "Europa" in Wirklichkeit heisst. Ich bin nicht der erste, der sich das fragt. 1959 konnte man in der Zeit lesen  Wer oder was Ist ein guter Europäer? Hier wurde der Begriff zurückverfolgt zu einem "europäischen Humanismus, der ja zu einem nicht kleinen Teil ein deutscher Humanismus war". Nun, damit geben wir uns hier nicht zufrieden. Humanismus? deutscher Humanismus? etwa Aufklärung? "too early to say".

Die Nationen Europas im Hochmittelalter: Sclavinia, Germania, Gallia, Roma, dargestellt als "nationale Allegorien" (unerschieden durch Haut- und Haarfarbe), die dem Kaiser (Otto III.) Tribut darbringen (Evangeliar Ottos III. aus Reichenau, c. 1000, Clm. 4453 fol. 23v).

Nein, die Rede ist hier allenfalls von was C. D. Burns das "zweite Europa" genannt hat: The first Europe: A study of the establishment of medieval Christendom, A.D. 400-800 erschien 1947 (fünf Jahre nach dem Tod des Verfassers). Das "erste Europa" nach Burns ist das lateinische Mittelalter, wie es sich während der Merowingerzeit aus der Spätantike herausbildete. Einen ähnlichen Ansatz (aber ohne die Numerierung) verfolgte schon Dawson, The Making of Europe (1932). Burns' Buch scheint direkt nicht stärker rezipiert worden zu sein, aber er wird aufgenommen, und bis zum Plagiarismus paraphrasiert, vom einflussreicheren Norman F. Cantor, Civilization of the Middle Ages (1963).

Es geht darum: Europa als Begriff für eine kulturelle Sphäre oder eine Zivilisation, ein Imperium Christianum, tritt erstmals bei karolingischen Gelehrten auf. Zuvor existierte Europa wohl als geographischer Begriff, aber niemals als kultureller, denn das römische Reich hatte mediterranen Charakter, und Europa war allenfalls der Begriff für das barbarische Hinterland im Norden und Nordwesten.

Die zehn grössten Städte im römischen Reich
Erst mit dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches im 5. und 6. Jh. begann ein Prozess, der in der Karolingischen Renaissance seinen Abschluss fand, und das "Erste Europa" des lateinischen (sogenannten) Mittelalters für die nächsten 500 Jahre definierte. Dieses "Erste Europa" zerfiel in den Krisen des Spätmittelalters und der Reformation. Daraus entstand fast nahtlos das "Zweite Europa" der Frühmoderne. Burns:
it should be clearly stated that medieval civilization is regarded here as only a first stage in the development of a pattern of culture, whose later forms were the second Europe of the sixteenth to nineteenth centuries, and the third Europe now being established.
 Das "Dritte Europa", das Burns aus den Ruinen des Ersten Weltkrieges sich abzuzeichnen sehen glaubte, war das Europa des Internationalismus, der kommunistischen Hoffnung auf die Überwindung der Nationalstaaten. Einen Zweiten Weltkrieg und sechzig Jahre "europäische Integration" später können wir Nachgeborenen nun vielleicht einschätzen, wie sich diese dritte Inkarnation "Europas" zu seinen beiden titanenhaften Schwestern verhält.


Wie gesagt wurde Burns Idee der Entstehung eines "First Europe" in der Merowingerzeit von Cantor (1963) ausgebaut und geradezu plagiiert. Dabei scheint aber im Detail auf Burns (ein britischer Universalgelehrter) mehr Verlass als auf Cantor (ein amerkanischer Geschichtsprofessor und Mediävist):

Burns verortet den Begriff Europa in der karolingischen Renaissance im 9. Jh. und gibt korrekt seine Verwendung durch Nithard wieder:
[the word Europe] was used in the new sense for the first time in the ninth century, for example, by Nithard the ninth-century historian, when he wrote that  Charles the Great at his death "had left all Europe in the greatest happiness." Europe is thus distinguished, not only from other lands, but from the tradition of the Greek-speaking Churches and Empire, and from Islam. From that time Europe was "the West" not merely a different place but a different spirit. 
Nithart schreibt genau das in seinen Historiae (843):
Karolus bonae memoriae, et merito Magnus, imperator ab universis nationibus vocatus, hora videlicet plus minus diei tertia, in senectute bona decedens, omnem Europam omni bonitate repletam reliquit. 
Cantor (S. 181) überhöhte diese Beobachtung zu:
The letters of Alcuin in particular are full of references to the "Christian Empire" and to "Europa", the area contiguous with Latin Christianity whose leader was Charlemagne.
In den von Migne edierten Briefen Alcuins finde ich den Begriff Europa allenfalls zweimal lose im Sinn "im europäischen Teil des Reiches" verwendet. So gerne ich die Begründung von Europa schon beim grossen Ealhwine von York  vorgefunden hätte, Cantor hat da übertrieben.

Die Einsicht von Dawson bzw. Burns, dass "Europa" in der Merowingerzeit entstand, nämlich durch die Herausbildung der lateinischen Christenheit als eine Art glückliche Synthese zwischen gallo-römischer und germanischer Kultur, ist bestimmt sehr wichtig. Und es ist dabei von einigem Interesse, welche Elemente dabei germanisch und welche gallo-römisch gewesen sein mochten, und welche Charakteristika allenfalls neu entstanden. Doch dass die Verwendung von Europa in diesem Sinn auf die Karolinger zurückgehe ist wohl doch etwas zu weit gegriffen. Europa als kulturelle Sphäre besteht wohl seit dem Frankenreich. Europa als Begriff gehört dagegen wohl in das 16. Jh., und damit tatsächlich zum deutschen Humanismus.


Europa in forma virginis ist jedenfalls ein teutsches Motiv aus dem 16. Jh., angeblich motiviert durch das habsburgische Riesenreich unter Karl V. und in der Gestalt ev. sogar der Kaiserin Isabella von Portugal nachempfunden (hier: Sebastian Münster 1570).

Burns verweist korrekt darauf, dass Europa in der Karolingerzeit in einem gewissen Kontext als "das Frankenreich" oder "die westliche Christenheit" verwendet werden konnte. Bei weitem häufiger bleibt in dieser Zeit die Verwendung von Europa als streng geographischer Begriff. Die mittelalterlichen Schreiber verstehen den Rückhalt ihrer Kultur auch innerhalb des europäischen "Viertels" der bekannten Welt durchaus als prekär: einerseits sind die europäischen Randgebiete barbarisch geblieben oder höchstens dem Namen nach christianisiert, andererseits sind grosse Teile Europas bereits dem Islam anheim gefallen oder werden direkt durch ihn bedroht. Diese durchaus realistische Einschätzung liest man etwa bei William von Malmesbury (Gesta regum Anglorum, 1125), in der Rede von Papst Urban, die zu den Kreuzzügen aufruft:

Die Feinde Gottes haben schon längst (proh! welche Schmach der Christen!) Syrien, Armenien, ganz Kleinasien (mit seinen Provinzen Bithynien, Phrygien, Galatien, Lydien, Karien, Pamphylien, Isaurien, Lykien und Kilikien) besetzt. Und nun fallen sie noch in Illyrien und den näher gelegenen Ländern ein. [...] Sie bewohnen Asien, einen Drittel der Welt, als ihren ererbten Sitz. [...] Afrika, den zweiten Erdteil,  besitzen sie schon seit zweihundert Jahren durch ihre Waffengewalt. [...] Als dritter Teil bleibt Europa, und wie wenig davon bewohnen wir Christen? Denn wer würde all die Barbaren,  die auf abgelegenen Inseln im gefrorenen Ozean wie Tiere leben, als Christen bezeichnen? Und sogar dieses von uns bewohnte Stückchen der Welt bedrängen die Türken und Sarazenen: Schon seit dreihundert Jahren sind Hispanien und die Balearischen Inseln unterworfen, und auch den Rest hoffen sie bald zu verschlingen.
Illi enim [viz. inimici Dei] iam pridem (proh! quantus Christianorum pudor!) Syriam, Armeniam, omnem postremo Asiam Minorem (cuius provinciae sunt Bithinia, Phrygia, Galatia, Lidia, Caria, Pamphilia, Isauria, Licia, Cilicia), occupaverunt; nunc Illiricum et omnes inferiores terras insolenter inequitant [...] Illi Asiam, tertiam mundi partem, ut haereditarium nidum inhabitant; [...] Illi Affricam, alteram orbis partem, ducentis iam annis et eo amplius armis possessam tenent;[...] Tertium mundi clima restat Europa, cuius quantulam partem inhabitamus Christiani? nam omnem illam barbariem quae in remotis insulis glacialem frequentat oceanum, quia more belluino victitat, Christianam quis dixerit? Hanc igitur nostri mundi portiunculam Turci et Saraceni bello premunt; iamque a trecentis annis Hispania et Balearibus insulis subiugatis, quod reliquum est spe devorant 
Und das ist es wohl endlich, was Europa definiert: Der Abwehrkampf gegen den übermächtigen Islam, der zwei Drittel des römischen Reichs, und dazu noch das Perserreich, verschlungen hatte. Europa entstand, weil das westliche Reich von der mediterranen Kultur abgeschnitten wurde: im 7. Jh., durch die arabische Invasion. Isoliert von den ehemaligen Zentren der Zivilisation entstand etwas Neues, die germanischen Königreiche, die seit Jahrhunderten mit Rom in Kontakt standen und seit längerem (Goten) oder kürzerem (Franken) auch das Christentum angenommen hatten rückten plötzlich ins Zentrum, waren auf sich selber angewiesen, und nicht mehr ferne Peripherie der grossen Zentren am Mittelmeer. Diese Erkenntnis, lange dadurch verschleiert, dass das römische Reich sehr wohl seit dem 3. Jh. durch Germaneneinfälle, und dann erst recht durch den Krieg gegen die Sassaniden im 6. Jh. geschwächt war; ohne diese Konstellation hätte es nie eine islamische Expansion gegeben. Dass aber der kulturelle Schnitt, der die Spätantike vom Frühmittelalter trennt, in der islamischen Expansion bestand, war die Einsicht von Henri Pirenne (Mahomet et Charlemagne, postum 1937). Pirennes These wurde für etwa 20 Jahre kontrovers diskutiert, und bestimmt in einigen Punkten relativiert oder revidiert (The Pirenne Thesis. Analysis, Criticism And Revision, ed. Havighurst 1958), aber seit den 1960ern(?), oder spätestens seit der Islam unter die Fittiche der P.C. genommen wurde, scheint sie von der Historikerzunft doch eher vohrnehm verschwiegen worden zu sein.

Der oben zitierte Text von William von Malmesbury lässt keinen Zweifel daran, dass die Kreuzzüge als verzweifelter Abwehrkampf gegen einen übermächtigen und aggressiven Gegner verstanden wurden, und zeigt auch das Bewusstsein des historischen Kontexts der islamischen Eroberungen; nichts könnte weiter danebenliegen als die gängige Darstellung der Kreuzzüge als ungestüme víking einiger übermütiger Franken und Normannen (dass hundert Jahre später, nach einschlägigen Erfolgen, der "vierte Kreuzzug" viel eher ein solches Bild abgab, steht auf einem anderen Blatt, und wenig später musste das "Projekt Kreuzzüge" dann auch scheitern, nicht aber ohne zuvor ein wertvolles Jahrhundert Atempause gewonnen zu haben).

Der unermüdliche G. K. Chesterton schreibt hierzu (The Everlasting Man, 1925):
It [viz. the Mediterranean] was the scene of an endless struggle between Asia and Europe from the night of the Persian ships at Salamis to the flight of the Turkish ships at Lepanto.
Das "Erste Europa" entstand als wehrhafter Überrest des römischen Reiches, der die islamische Eroberung überlebt hatte. Das "Zweite" Europa entstand, als die Übermacht des Islam gebannt war, und die neuen europäischen Grossreiche frei wurden, die Neue Welt zu erobern und sich mit internen religigiösen Querelen zu beschäftigen; nur das Habsburgerreich musste im Balkan weiter Türkenkriege führen,

The cold queen of England is looking in the glass;
The shadow of the Valois is yawning at the Mass;
From evening isles fantastical rings faint the Spanish gun,
And the Lord upon the Golden Horn is laughing in the sun.
Unsere Liebe Frau vom Siege in der Schlacht von Lepanto (Tony Stafki 2009)


Und wie endete das "zweite Europa"? Österreichs Türkenkriege dauerten bis 1791 (in Frankreich wehte schon die Trikolore). Es folgte eine merkwürdige Zeit, während der die eigentlich geschlagenen Osmanen als geostrategisches Pfand gegen Russland diente. Hastig riss man sich noch diese oder jene afrikanische oder südostasiatische Kolonie unter den Nagel. Und dann, 1914, war Feierabend. Das "dritte Europa", auf das wir seit hundert Jahren hoffen, kam nicht, oder nur in alptraumhafter Verkehrung in ein Anti-Europa.

...


Die Einteilung der Welt in drei Erdteile, Asia, Libya und Europa, übernimmt die mittelalterliche Schriftlichkeit von Isidor (c. 630). Isidor übernimmt sie letztlich von Herodot (via Ptolemäus), aber seine Beschreibung ist angereichert durch Länder und Völker, die erst in der Spätantike geschichtlich wurden.
Grob gesagt teilt Isidor Europa in folgende Länder ein: Scythia inferior, das nähere oder kleinere Skythien, gelegen zwischen Don und Donau. Bestandteile davon sind Alania, Dacia und Gothia. Westlich von Scythia inferior (oder als sein westlichster Teil), zwischen Rhein und Donau, liegt Germania, westlich des Rheins Gallia, südlich der Pyrenäen Hispania und südlich der Alpen Italia. Entlang des rechten Donauufers liegen die Provinzen Raetia, Noricum, Pannonia, Istria, Moesia und Thracia. Graecia schliesslich liegt südlich von Thracia, scheint aber auch den Westbalkan einzuschliessen (und wird mit Illyricum gleichgesetzt), mit seinen Provinzen  Dalmatia, Epirus, Hellas, Thessalia, Macedonia, Achaia, nebst den Inseln, Creta et Cyclades. Britannia wird bei Isidor im separaten Kapitel de Insulis geführt. Darin folgt ihm noch Beda,
"Britannia ist eine Insel im Ozean, die früher den Namen Albion trug, gelegen zwischen Norden und Westen, gegenüber von Germania, Gallia und Hispania, den grössten Teilen von Europa, wenn auch in grosser Entfernung."
Brittania Oceani insula, cui quondam Albion nomen fuit, inter Septentrionem et Occidentem locata est, Germaniae, Galliae, Hispaniae, maximis Europae partibus multo intervallo adversa.
aber im 12. Jh. wird das normannische England dann zu Europa gezählt.


Isidors Europa: stimmt noch erstaunlich gut mit dem überein, was wir umgangssprachlich mit "Europa" assoziieren. Die Ausdehnung des "Kontinents" an den Ural war eine Definition des 19. Jh., die sich im tatsächlichen Sprachgebrauch nie recht niederschlug.

Herodot (4.45) übernahm den Begriff Europa von seinen Vorgängern, den Geographen des 6. Jh. v. Chr. Es ist hier der von den Griechen bewohnte Erdteil westlich des Perserreichs, abgegrenzt von Asien entweder durch den Fluss Phasis in der Colchis (Kaukasus), oder den Fluss Tanais (Don) und den kimmerischen Bosporus (Strasse von Kertsch).

Herodot fragt sich auch ausdrücklich, wieso die drei Erdteile, Asia, Libya, Europa, Frauennamen tragen, und ob Europa wohl nach der phönizischen Prinzessin benannt sei, die aber doch gar nie europäischen Boden betreten habe, da sie von Griechen (mutmasslichen Kretern) von Tyros nach Kreta und dann nach Lykien verschleppt worden sei (1.2):
μετὰ δὲ ταῦτα Ἑλλήνων τινάς (οὐ γὰρ ἔχουσι τοὔνομα ἀπηγήσασθαι) φασὶ τῆς Φοινίκης ἐς Τύρον προσσχόντας ἁρπάσαι τοῦ βασιλέος τὴν θυγατέρα Εὐρώπην. εἴησαν δ᾽ ἄν οὗτοι Κρῆτες.
"Dann, sagen sie (die Perser), seien einige Griechen (sie können sie nicht näher benennen) in Tyros in Phönizien gelandet und hätten die Tochter des Königs, Europa, entführt. Es waren wohl Kreter."
Der alte geographische Begriff Europa geht mindestens auf das 7. Jh. v. Chr. zurück. Im homerischen Apollo-Hymnus erscheint Europa zuerst als Ländername: Apollo, als er seinen Tempel in Delphi zu errichten beschliesst, sagt voraus, dass die Menschen sowohl vom Peloppones, als auch von Europa und von den Inseln hier opfern würden. Europa ist hier also das von Griechen bewohnte Festland nördlich des Peloppones (247-243):
Τελφοῦσ᾽, ἐνθάδε δὴ φρονέω περικαλλέα νηὸν /  ἀνθρώπων τεῦξαι χρηστήριον, οἵτε μοι αἰεὶ / ἐνθάδ᾽ ἀγινήσουσι τεληέσσας ἑκατόμβας, / ἠμὲν ὅσοι Πελοπόννησον πίειραν ἔχουσιν / ἠδ᾽ ὅσοι Εὐρώπην τε καὶ ἀμφιρύτας κατὰ νήσους, / χρησόμενοι: τοῖσιν δέ κ᾽ ἐγὼ νημερτέα βουλὴν πᾶσι θεμιστεύοιμι χρέων ἐνὶ πίονι νηῷ. ’
"Telphusa, hier habe ich im Sinn einen überaus schönen Tempel zu bereiten, ein Orakel für die Menschen, die hierhin für immer vollständige Hundertopfer führen werden, sowohl die vom saftigen Peloponnes, als auch die von Europa, und ebenso die von den umströmten Inseln, für den Orakelspruch. Ihnen allen will ich unfehlbar Recht sprechen im fetten (reichen, gesalbten) Tempel."
Europa als Frauengestalt, die spätere "phönizische Prinzessin", ist bei Hesiod noch eine Nymphe, eine der vielen Töchter des Okeanos und der Thetys, die offenbar über einzelne Länder oder Flüsse regieren (Theogonie 346-361; dt. Voß):
τίκτε δὲ θυγατέρων ἱερὸν γένος, αἳ κατὰ γαῖαν /  ἄνδρας κουρίζουσι σὺν Ἀπόλλωνι ἄνακτι "Töchter gebar sie darauf, hochheilige, welche des Erdreichs /  Männer zur Reif aufnähren, sie selbst und der Herscher Apollon [...]"
Ihr Name (εὐρύ-ὤπ-, idg. etwa idg. *uru-hōkʷā) "die mit dem breiten Gesicht" verweist auf älteste indogermanische Namen für die Erde selbst; Sanskrit wäre derselbe Name *urvīkā, belegt ist urvī "die Breite" und urūcī́, etwa "die breit Gebogene". Parallel dazu ist  die Benennung der Erde als "die Breite" mit der Wurzel von platt, Sanskrit pṛthivī und griech. Πλάταια (Plataea), letzteres wie Europa ein Name für das griechische Festland bzw. Böotien.

Die Wandlung einer lokalen wichtigen Gottheit in eine universelle aber unwichtige ist ein wohlbekannter "mythologischer" Prozess. Dazu noch einmal Chesterton,
even polytheism seems often the combination of several monotheisms. A god will gain only a minor seat on Mount Olympus, when he had owned earth and heaven and all the stars while he lived in his own little valley. Like many a small nation melting into a great empire, he gives up local universailty only to come under universal limitation [...] so with the Great Mother whom we still call Mother Earth. Demeter and Ceres and Cybele often seem to be almost capable of taking over the whole business of godhood, so that men should need no other gods.

Europa (wie Plataea) war also letztlich ein Name für das Land, bzw. das von uns bewohnte, unser weites Land, die breite, nährende Erde,
χαῖρε, θεῶν μήτηρ, ἄλοχ᾽ Οὐρανοῦ ἀστερόεντος,
πρόφρων δ᾽ ἀντ᾽ ᾠδῆς βίοτον θυμήρε᾽ ὄπαζε:
αὐτὰρ ἐγὼ καὶ σεῖο καὶ ἄλλης μνήσομ᾽ ἀοιδῆς.
"Allegra, Mutter der Götter, Gattin des gestirnten Himmels / für mein Lied gewähre mir gütig selige Labung /  An dich will ich denken, und an ein neues Lied." (hom. Hymn. Εἲς Γῆν)


Dienstag, 7. Juli 2015

Minnetrinken

 
Noch wird in der Schweiz der 26. Dezember, der Tag des heiligen Märtyrers Stephanus, mit einer kirchlichen Weinspende begangen, wobei dem Meßpriester vorgeschrieben ist, den Wein kelchweise den Versammelten mit den Worten darzureichen: "Bibe fortitudinem St. Stephani."
R. Schultze, "Das Minnetrinken", Geschichte des Weins und der Trinkgelage (1867).

Am zweiten Tage nach Weihnachten, als am Feste Johannis des Evangelisten, wird auf katholischen Dörfern der Johanniswein in der Messe verabreicht. Es geschieht dies zufolge der vom heiligen Augustin herrührenden Angabe, Johannes habe einen Becher voll Gift, nachdem er ihn mit dem Kreuzzeichen gesegnet, schadlos ausgetrunken. Daher führt dieser Heilige in den kirchlichen Abbildungen einen Kelch, aus dem ein Schlänglein herauszüngelt, und der Meßpriester spricht bei der Benediction des Weines: Dich rufen wir an, vor dessen Namen die Schlange weicht, der Drache flieht, die Viper schläft und die Giftkröte in ihrer Wuth hinstirbt (Vgl. Agenda eccles. Moguntiensis 1551). Aus jedem Fasse im Keller läßt der Hausvater etwas Wein ab, und bringt es heute auf den Altar, läßt es mit Weihbrunn besprengen und leert es daheim wieder in die Fässer um; dann wird ihm das kein einziges Faß abstehn und aus jedem kann er seinem scheidenden Gaste den Johanniswein kredenzen.  Letzterer Brauch hat besonders im Kanton Schwyz und Oberwallis angedauert. Hatte man bereits Abschied genommen und verließ mit dem Frühesten die Herberge, so kam uns der Wirth draußen noch einmal mit dem letzten Scheidetrunk entgegen. In ein von seiner Tochter dargehaltenes Baßglas schüttete er aus zwei Flaschen rothen und weißen Walliserwein zugleich, und erst wenn es der Gast bis auf die Neige geleert hatte, konnte der gegenseitige Wunsch einer glücklichen Reise in Erfüllung gehen. Der kirchliche Segen bedingt dies; quisquis in peregrinatione fuerit, ab eodem vino confortetur. (Friz[, Manuale Selectiss. Benêdictionum. Kempten 1737] S. 16.) In unsern katholischen Landkirchen spendet der Pfarrer nach der Messe einige Kannen aus und jeder Anwesende soll einen guten Trunk thun. Weil sich aber die schlauen Jungen dabei wiederholt vorzudrängen wissen und sogar die Kleider vor der Thüre gegenseitig umwechseln, um unerkannt noch einmal an die Kanne zu kommen, so bleiben unsre Männer jetzt bereits aus der Reihe weg und der Brauch des Minnetrinkens geht seinem Ende entgegen.
E. L. Rochholz, "Weihnachten und Neujahr in der Schweiz", Die Grenzboten, Vol. 23 (1864), 496–510.

Adelung: Das Paßglas:  ein hohes Trinkglas, welches durch verschiedene Pässe, d. i. Reife oder Ringe am Rande, in mehrere Räume getheilet ist, und auch nur ein Paß schlechthin genannt wird.

Éowyn came forward bearing wine. "Ferthu Théoden hál!" she said. "Receive now this cup and drink in happy hour. Health be with thee at thy going and coming!" Théoden drank from the cup, and she then proffered it to the guests. (Anke Eißmann 2002)



Montag, 14. Oktober 2013

Trinoxtion Giamonii


Mornera im Oktober 2013

epi bertont-jo mi, tragont-jo karron,     [+1]
gnathi sentum digontes,                         

i
n rot-umat aksila brita-swipana,
tri temelon dalon antumni tu-westunt


wiros skalion brochtros
— di temelu luknom wedi-mi
wiros skalion brochtros
— di temelu luknom wedi-mi
sterako dubnoteru banet, tu-westunt 
sentum o-tegu nuchti
ande durus suli, trebu brochdion,      
[+1]   
brigantia karanta gabet-si lama-mi 
wiros skalion brochtros — di temelu luknom wedi-mi
wiros skalion brochtros
—  di temelu luknom wedi-mi

Die Rosse tragen mich dahin, ziehen den Streitwagen,
Jungfrauen weisen den Weg,
Die Achse in den Naben glühend, pfeifend,
Durch die dunklen Gefilde des Alls führen sie.

Eines Schattens Traum ist der Mensch
— aus dem Dunkel führe ins Licht mich


Als ein Stern leuchtet er [Telesphoros-Cissonius?] in der Tiefe
vom Haus der Nacht den Weg weisend,
zu den Toren der Sonne und den Wohnungen der Träume:
Die Hohe [empfing mich] huldvoll und nahm meine Hand in die ihre.

Eines Schattens Traum ist der Mensch
— aus dem Dunkel führe ins Licht mich


Dies ist mein erster Versuch, einen gallischen Text zu komponieren. Die Absicht ist ein altkeltischer/gallischer "Hymnus", der zum Totenfest, d.h. "Allerseelen" bzw. "Samonios", oder vielmehr Giamonios, den "Winternächten" passt und vermutete "altkeltische" Vorstellungen zum Jenseits transportiert. Natürlich wissen wir so gut wie nichts darüber. Mehr als ein paar Stunden konnte ich nicht investieren, man könnte das viel besser machen, aber da bedeutete wohl im wesentlichen ein Keltologie-Studium. Die gallische Grammatik ist nur sehr lückenhaft bekannt, und das fehlen einer Referenzgrammatik wie man sie online etwa für Urgermanisch konsultieren kann, macht es sehr schwierig; hier wäre keltologische Expertise gefragt, die ich nicht habe.  Für zukünftige Verbesserungnen hinterlasse ich daher für mich etwas Dokumentation zu Form und Inhalt. Das Metrum soll silbenzählend sein, die roten Ziffern zeigen fehlende Silben an (under construction, ich möchte 12/7/12/12 und für das "Mantra" 8+8).

Ich verwende altgriechische Versatzstücke, denn ich glaube, dass die antiken (vor-hellenistischen) mythologischen Vorstellungen noch sehr nahe Verwandtschaft mit anderen Formen der Mythologie der "westindogermanischen Eisenzeit" hatte; gleichzeitig schrieb man dem Druidismus auch schon früh-buddhistischen Einfluss zu, v.a. aufgrund der Vorstellungen der Seelenwanderung, und so wird ein Schuss "ostindogermanische Eisenzeit", über "thrako-kimmerische" und skythische Vermittlung wohl, die Mischung etwas "keltischer" gestalten. Im wesentlichen nehme ich also die Himmelsreise im  "Proömium" von Parmenides, das ja sehr stark den Verdacht erregt, es bewahre "vorsokratisches" Geheimwissen, und ebenso einen "Steppen"-Beigeschmack trägt, ja sogar als "schamanistisch" angesprochen wurde (vgl. Janda 2010). Von Pindar ist  Σκιᾶς ὄναρ ἄνθρωπος "eines Schattens Traum ist der Mensch" (Pyth. 8.95f.), kombiniert mit dem "vedantischen" Pavamana Mantra  tamaso mā jyotir gamaya "leite mich aus dem Dunkel ins Licht"; es ist aus  BrUp und damit gerade etwa gleich alt wie die hier angestrebte Zeitstufe, d.h. irgendwo zwischen Hallstatt D und La Téne A (es erinnert mich sehr an "abendstille Auen", d.i. von 1925, könnte aber geradesogut druidisch/vedantisch gewesen sein). Von Homer ist παρ' Ἠελίοιο πύλας καὶ δῆμον ὀνείρων "vorbei an den Toren der Sonne und den Häusern der Träume" (i.e. "gingen die Totengeister"; Od. 24.12), gelesen auf dem Bollinger lapis, von da auch ἀστὴρ ἐκ τοῦ βάθους  "als ein Stern in der Tiefe".

Diese Versatzstücke gälte es nun, in eine "gallische" Form zu bringen. Online Hilfsmittel: La Langue Gauloise (Dottin 1920); Proto-Celtic Lexical Items (Alan Ward 1996); Celtic Lexicon (Uni Wales, 2002), Lingua Gallica, "Gaulish Glossary" (Vorsicht) . Kelteag Nueadh, Chronarchy.com.

  

Samstag, 5. Oktober 2013

Griechensehnsucht


... es scheint mir ferner, daß es zum mindesten von Einseitigkeit und Beschränktheit zeugt, wenn der politische Philanthrop alle humane Schönheit und Würde in die prometheisch-emanzipatorische Gebärde verlegt. Ich brauche nur aufzublicken von meinem Tisch, um mein Auge an der Vision eines feuchten Haines zu laben, durch dessen Halbdunkel die lichte Architektur eines Tempels schimmert. Vom Opferstein lodert die Flamme, deren Rauch sich in den Zweigen verliert. Steinplatten, in den sumpfig-geblümten Grund gebettet, führen zu seinen flachen Stufen, und dort knieen, ihr Menschtum feierlich vor dem Heiligen erniedernd, priesterlich verhüllte Gestalten, während andere, aufrecht, in zeremonialer Haltung aus der Richtung des Tempels zum Dienste heranschreiten. 
Wer in diesem Bilde des Schweizers, das ich von jeher wert und mir nahe halte, eine Beleidigung der Menschenwürde erblickte, den dürfte man einen Banausen nennen. Trotzdem ist der politische Philantrop ohne Zweifel verpflichtet, dergleichen darin zu erblicken,  und soviel sei eingeräumt, — daß es ein nur zu schlagendes Beispiel für die Unzuverlässigkeit der Kunst als Mittel des Fortschritts bietet, für ihren verräterischen Hang zur Schönheit schaffenden Widervernunft. 
Offenbar aber ist die Humanität des emanzipatorischen Fortschrittes entweder nicht die wahre oder nicht die ganze Humanität; denn wie sollte ein Werk inhuman genannt werden dürfen, das dem von Frechheit, Schlechtigkeit und Pöbel-Gier gehetzten Blick eine Vision und Traumzuflucht würdevoll-demütigen Menschenanstandes bietet?  
Thomas Mann (1918)

“He has made a number of replicas of his most famous works. The first version of the painting ‘The Holy Grove’ (1882, 105 x 150 cm, oil, canvas) is situated at Basel Art Museum, the second version (‘Der Heilige Hain’, 1886, oil, wood) – in Hamburg Kunsthalle. [... as for the possible third version in Tallinn,]   its typical signature make it possible to believe that it is the author’s own replica.” (Mai Levin, Estonian Art Museum, Tallinn). 

Sonntag, 4. August 2013

Gründungszeit mit Eidgenossen


Statt Wilhelm-Tell-clipart plaziere ich hier ein Höhenfeuer vom letzten Donnerstag; ich war im Prättigau und wurde mit einem Ausblick auf ein gutes Dutzend Höhenfeuer entlang des ganzen Tals belohnt.
Nun war es ja 1. August, und es war die Aufgabe von Journalisten und Politikern, die Nationalmythen der Schweiz zu evozieren und auszulegen, allerdings rein metaphorisch, ohne "Naivität" oder, Gott bewahre, "Heimattümelei". Es hat sich seit den 1970ern eine eigene Art von goodthink zu diesem Thema herausgebildet. Inzwischen sind wir soweit, dass die Dekonstruktion des Nationalmythos selbst schon mythologische Züge angenommen hat. Jeder, der darüber schreiben will, muss zunächst formelhaft seinen Glauben an die Ahistorizität der Dinge bezeugen. Anno 2013 klingt das dann etwa so (TA):
Spätestens seit dem Buch «Gründungszeit ohne Eidgenossen» des Historikers Roger Sablonier ist gesichert, dass [die traditionellen] Geschichten über die Anfänge der Eidgenossenschaft mit den tatsächlichen Ereignissen nicht viel zu tun haben.
Sablonier war ein Mediävist, der 2008 (drei Jahre vor seinem Tod) ein Buch mit diesem Titel veröffentlicht hat. Es war der Anlass der vorerst letzten Runde der journalistischen "Entmythologisierung der Eidgenossenschaft". Vorwerfen kann man Sablonier selbst vielleicht seinen etwas polemischen Titel (das ist insofern gravierend, als Rezeption eines solchen Buches oft gar nicht weiter als bis zum Titel kommt). Darüber hinaus hat er aber einfach seinen Job als Historiker gemacht. Er gab auch nicht vor, bahnbrechende Enthüllungen zu verbreiten, sondern fasste im wesentlichen den Stand der Forschung zum Thema zusammen. Auf Nachfrage war er auch bereit, abzuwiegeln und völlig zutreffende und nüchterne Dinge zu sagen, wie etwa (swissinfo.ch):
Die Schweiz ist nicht mit dem Bundesbrief gegründet worden - diese Meinung ist nicht etwa neu. Der Bundesbrief "von 1291" ist kein Staatsgründungsdokument, weil man im Mittelalter nicht Staaten gründen konnte.
Dass der "Bundesbrief von 1291" laut Sabloniers Hypothese "eine Fälschung" sein soll, ist für die Zwecke der "Gründung der Eidgenossenschaft" auch völlig irrelevant. Diese "Fälschung" wäre nämlich nicht etwa nationalromantisch, sondern genauso mittelalterlich, sie datierte auf gerade mal 18 Jahre nach dem vorgeblichen Datum des Dokuments. Dieser leidige "Bundesbrief" verstellt heute v.a. den Blick auf die eigentlichen Gründungsmythen, die gar nicht auf 1291 sondern auf 1307 datiert waren. Aber nur schon die Existenz einer solchen "Fälschung" just in dieser Zeit würde ja nichts anderes zeigen, als dass die "Eidgenossen" (conspirati) eben nicht erst 1848, auch nicht erst 1804,  nicht erst 1570 und auch nicht "erst" 1470  sondern 1309 in den bekannten "legendären" Zusammenhang gestellt wurden, also genau das, was man heute auf keinen Fall mehr wahrhaben darf, eine Gründungslegende, die auf das frühe 14. Jh.  zurückgeht.

Laut einer ausgewogenen Rezension von Andreas Meyer (sehepunkte.de) kann man Sablonier, nebenbei gesagt, doch auch einige Unsorgfältigkeiten vorwerfen. Zudem ist seine Fälschungshypothese als genau dies zu sehen, eine historische Hypothese. Auch nebenbei erwähnt (obwohl ich mir fest vorgenommen habe, beim Kernthema zu bleiben und nicht einmal mehr in kuriose Details abzuschweifen) sei diese "Kritik" auf dillum.ch, die Webseite des "Keltenfreundes" Christoph Pfister.  Es sollte reichen, darauf hinzuweisen, dass der Mann auch den "Apollo-Hoax" vertritt; aber auch bei seinen Ortsnamen kommen mir die Tränen (vor Lachen), das würde sich bei Gelegenheit vielleicht zur eingehenderen heiteren Betrachtung anbieten.  Hier erwähne ich ihn, weil bei Google dieser vollständige Unsinn gedankenlos neben realen Sablonier-Kritikern erscheint und (z.B. hier) durch Online-Kommentatoren, die "kann googeln" gerne verwechseln mit "kann mitreden", herumgereicht wird.

Diese ganze Debatte (oder eben nicht-Debatte) zeigt vor allem eines: Die völlige Hilflosigkeit der Zeitgenossen, mit dem Wesen von Mythen oder Legenden umzugehen: Alles ist entweder historisch oder eben nicht historisch; und wenn man nachgewiesen hat, dass etwas mythisch ist, ist es folglich nicht historisch, also fiktiv, also gelogen. Das Wesen des Mythos ist aber weder "Historie" noch "Fiktion" sondern ein separater Modus der Wahrnehmung und Einordnung von sowohl Historie als auch Fiktion. Dies ist eine Binsenweisheit, die aber leider nicht in der Schule unterrichtet wird, und deshalb auch von gebildeten Leuten einfach ignoriert wird. Für uns, und für alle, die sich erkühnen, über "Gründungs-" und andere Mythen eine Meinung zu äussern, ist genau sie aber von grosser Wichtigkeit.

So gibt es bekanntlich grosse Parallelen zwischen der Mythologie von Dionysus und von Jesus Christus. Heisst das, wie von den Vertretern der "Christ myth theory" mit rührender Vehemenz vertreten, dass deshalb die Person Jesu "nicht historisch" sein kann? Natürlich nicht. Geschehnisse werden vom Menschen anhand präexistenter Mythologie interpretiert. Immer. Es ist der Normalfall. Ja, es fällt uns ohne bewusste Anstrengung zur wissenschaftlichen Methode  schwer, irgendetwas nicht-mythologisch zu erfassen. So gibt es, z.B., selbstverständlich eine Mythenbildung um John F. Kennedy, und in allerlei Anekdoten und Verschwörungstheorien werden Kennedy ganz gewiss auch "ahistorische" Elemente zugeschrieben. Daraus schliessen zu wollen, dass die Mythologisierung beweise, dass Kennedy nie gelebt habe, oder dass alle mythologisierten Elemente ahistorisch sein müssen, weil es einige sind, ist offensichtlich logischer Unsinn. Für eine Figur, die vor erst 50 Jahren gelebt hat, liegt das auf der Hand. Eine solche Figur kann dazu dienen, die natürlichen und immer eintretenden derartigen Prozesse zu verstehen, wenn sie uns in Epochen begegnen, die der direkten Dokumentation weniger zugänglich sind.

Was Historiker zeigen und Sablonier zeigen musste ist dies: Für jede beliebige Epoche gilt, wenn man die Mythologie in Abzug bringt, bleibt einfach Alltag übrig. Es ist eine wichtige Errungenschaft der Geschichtswissenschaft,  ein solches In-Abzug-Bringen der Mythologie überhaupt zu ermöglichen. Dies ist unverzichtbar, um sich ein Bild einer historischen Epoche machen zu können, um wirtschaftliche, demographische und sonstige "objektive" Rahmenbedingungen rekonstruiern zu können. Aber zu jeder Zeit wird jede menschliche Gesellschaft sich selbst und ihre eigene Vergangenheit eben auch in einen narrativen, nämlich "mythologischen", Kontext stellen. Der Mythos selbst hat damit historische Realität, als Teil der Ideengeschichte, und wer glaubt, ihn immer und grundsätzlich in Abzug bringen zu müssen, wird zwar Demographie und Realpolitik rekonstruieren können, wird aber nie die Selbstwahrnehmung oder den Zeitgeist einer Epoche erfassen. Mehr noch,  der Mythos ist eine ganz reale, die menschliche Geschichte nicht nur nachträglich "interpretierende" sondern auch aktiv formende Gewalt. Es werden nicht nur nachträglich und "fälschlicherweise" Ereignisse mythologisch gedeutet, der Mythos motiviert und inspiriert auch Handlungen. Dies findet meist unterhalb der Bewusstseinsschwelle statt, und der moderne Mensch (sofern er nicht ein religiöser Spinner ist und das Kalifat herbeibomben will) will diesen Modus nicht wahrhaben.

Um zu den "Gründungsmythen der Eidgenossenschaft" zurückzukehren: Nichts könnte falscher sein als der inzwischen gängige "bah, 1848-Nationalromantik"-Reflex. Es ist wahr, dass jede Generation aus diesen Legenden genau das gemacht hat, was sie für ihre eigenen Zwecke brauchte; ja, sie wurden "instrumentalisiert", aber das ist genau, wozu sie überhaupt da sind: Der mythologische Modus ist dazu da, einen Sinn zu stiften, wo sonst nur Alltagsgeschäfte wären. Aber die Geschichten wurden nicht 1848, und auch nicht 1804, und auch nicht 1570 "erfunden", sie wurden nur immer neu umgestaltet. Sie treten uns um 1470 in den frühesten Liedern der Eidgenossen entgegen, und sind zu dieser Zeit bereits vollständig ausgebildet. Sie sind eine in mündlicher Tradition gewachsene Erzählung von umwälzenden Ereignissen, die sich um die 150 Jahre zuvor abgespielt hatten, genau wie dies in jeder anderen vormodernen Kultur der Fall wäre. Das Erstaunliche ist daher  nicht ihr Auftreten "erst" 1470 (nämlich zum frühesten Zeitpunkt, zu dem sich irgendwer die Mühe nahm, die volkstümlichen mündlichen Überlieferungen überhaupt aufzuschreiben), sondern dass sie eben "schon" 1470 den Charakter von Volksgut haben, das gut auf "Menschengedenken", und damit vor 1400, zurückgehen kann.

Eine Bildungsbürgerzeitung kann es sich erlauben, in aller Seelenruhe in einer "infobox" zu behaupten (NZZ),
Verschiedene Chroniken zwischen 1470 und 1513 beschreiben die die Schlacht [bei Sempach] zwar im Detail, aber ohne eine Heldentat. Ein «Arnold Winckelriet» erscheint erst 1563 in der Chronik des Aegidius Tschudi. 
Die Zahl 1563 ist, nehme ich an, ein Tippfehler der Journalistin (kmr) für 1536.  Das kann vorkommen. Und so, hey, zwei Ziffern vertauscht und schon ist die Sage gerade nochmals eine Generation jünger geworden! (Die Sage muss junggeredet werden, also ist der Fehler in die "richtige Richtung" passiert und kümmert niemanden) Tschudi zitierte das Sempacherlied, das nicht nur bei ihm sondern auch bei Wernher Steiner (um 1532) und bei Melchior Russ (um 1488) Erwähnung findet. Das Lied stammt zweifellos aus der Zeit um 1470. Dem Leser zu suggerieren, dass Tschudi den Winkelried einfach erfunden habe, ist nicht gerade seriös (Waser in HLS spricht dagegen korrekt von einer "Zementierung" der Legende durch Tschudi). Wie bei Tell kann man die Winkelried-Legende nicht vor die 1470er zurückverfolgen. Das wären dann also mal um die 90 Jahre nach dem historischen Ereignis, also hart an der Grenze zur "lebendigen Erinnerung" (etwa wie für uns, sagen wir, der 1. Weltkrieg; vielleicht liegt noch Urgrossvaters Karabiner im Estrich, und wir erinnern uns noch gut, wie der Grossvater selig seinerzeit von seinem Vater erzählte).

Nein, man kann das Sempacherlied oder das Tellenlied nicht als historischen Tatsachenbericht ansehen. Ja, die einzelnen Pakte um 1300 waren eine weiter verbreitete Erscheinung. Ja, der unmittelbare Anlass, der die Innerschweiz überhaupt auf der überregionalen Agenda erscheinenlässt ist profan-strategisch-realpolitisch (die Öffnung des Gotthards, deren Geschichte natürilch selbst mit Legenden behaftet auf uns kommt). Das alles heisst aber noch lange nicht, dass in der Selbstwahrnehmung der betroffenen spätmittelalterlichen Bevölkerung (oder der lokalen Elite) solche "realpolitischen" Vorgänge" nicht schon von Anfang an in den Begriffen von Freiheit von habsburgischen Vögten und fremden Richtern gesehen wurden, genauso wie sie zwei Menschenalter später von ihren Nachfahren zur Zeit der Burgunderkriege dargestellt werden:
Von der Eydgnoschafft will ich's heben an, dessgleichen g'hört noch nie kein Mann, jhn' ist gar wol gelungen; sie hand ein' wysen vesten bundt, ich will euch singen den rechten grund, wie ein Eydgnoschafft ist entsprungen.
Ein Edel Land, recht als der kern, das lyt verschlossen zwischen berg viel vester dann mit muren: da hub sich der Bundt am ersten an, sie hand der sachen wysslich g'than jn einem land, heisst Vry.
Nun merkend, lieben Eydgnossen gut, wie sich der Bundt am ersten erhub, daz lônd euch nit verdriessen: das einer seinem liebsten sohn ein' öpffel von seiner scheytlen schon mit seinen henden musst schiessen. 
So aufgeschrieben 1501, gesungen sicher vor 1477, und in ähnlicher Form sicher auch vor 1450 (die Strophen über Tell bilden den Kern des Liedes, das bereits traditionell war, als es später um die "current events" der Burgunderkriege erweitert wurde). Das Lied hat noch nicht das schwülstig-romantische Vokabular von "Schwertkampf und Blutdampf", aber es beschwört, 400 Jahre vor der "Gründung der Schweiz", bereits alle Eidgenossen-Klischees, die Alpenfestung ("Wall dir von Gott"), die Weisheit und Ewigkeit des Bundes, und natürlich Tells Apfelschuss.

Nu was da ein redlicher man hiesz der Thäll, der hat
ouch zu dem stoupacher gesworn, und sinen gesellen.
(Weisses Buch von Sarnen, S. 447)


Tell (1897)
 Sucellus
Ob es nun einen Apfelschuss gab ist von untergeordneter Bedeutung. Ich behaupte hier nicht den Apfelschuss selbst, sondern die Legende des  Apfelschusses als historische, nämlich spätmittelalterliche Realität. Selbst wenn es keinen gab, kann die Legende davon ohne weiteres nach zehn Jahren, nein sogar nach zehn Wochen, wenn nicht zehn Tagen, kolportiert worden sein. Jedes Tabloid ist ein Hort der Faktentreue im Vergleich zur spätmittelalterlichen Gerüchteküche.
Und damit gebe ich noch lange nicht zu, dass es keinen Apfelschuss gegeben haben kann: Der aufgeklärte Schreiberling winkt ab und erwähnt Anlehnung an nordische Sage. Die gemeinte "nordische Sage" ist ein Bericht des dänischen Historikers Saxo Grammaticus aus dem 12. Jh. (über eine im 10. Jh. angesiedelte Geschichte). Wenn jemand daraus schliessen will, Tells Apfelschuss könne offensichtlich gar nicht historisch sein, der muss denn (z.B.) auch schliessen, dass Jesus unmöglich gekreuzigt worden sein konnte (offensichtlich mythologisch, Dionysus am Weltenbaum usw.), denn diese Art der Hinrichtung sei ja schon Jahrhunderte früher in einer "griechischen Sage" (Herodot) erwähnt.

Was ich damit sagen will, wird vielleicht klarer mit dem Hinweis auf eine andere dänische Geschichte: Sorg-Agre (englisch "Sorrow-Acre") von Isak Dinesen (Karen Blixen) in Vintereventyr ("Winter's Tales") von 1942. Zur Zeit ihrer Veröffentlichung hat diese Kurzgeschichte für Aufregung gesorgt, heute ist sie aber leider (so wenigstens mein Eindruck) weitgehend unbekannt. Dinesen (Blixen) schildert hier die innere Motivation eines Feudalherrn, dafür, eine "mythologische" und grausame Strafe zu verhängen. Er tut dies gerade weil sie mythologisch ist,  übernimmt damit willentlich die Rolle des Tyrannen, und tut dies (hier ist der Skandal) im Glauben, seine Rolle zu erfüllen und seinen Untertanen eine Gnade zu erweisen, weil diese die Strafe dadurch einzuordnen wissen und sich als Teilnehmer in einem überpersönlichen Drama verstehen können, statt als arme und geschichts- und schicksalslose Erdenwürmer. Dinesen (Blixen) beschreibt in der Rahmenhandlung sogar das moderne Unverständnis und Entsetzen gegenüber einer solchen Geisteshaltung, legt den "Skandal" also schon von sich aus offen (das verhinderte nicht, dass sie für ihre Erzählung offenen Abscheu erntete). Derselbe Skandal des mythologischen Weltbildes der Vormoderne begegnet uns auf Schritt und Tritt. Meiner Meinung nach kommt die entlarvende Blindheit von uns Moderenen für sein Wirken daher, dass wir uns beigebracht haben, uns zu zwingen, dieses Prinzip in der Gegenwart zu unterdrücken oder doch mindestens zu verleugnen. Das ist gefährlich, denn unterdrückte Mythologeme treten  nur umso unkontrollierter hervor (Wotan).

Die jüngste Epoche (1970-2010) hat die alten Legenden also als nationalistischen Krempel stigmatisiert. Man darf nicht glauben, dass dies einfach ein Zeichen von Fortschritt oder Aufklärung gewesen sei; vielmehr hat auch diese Entwicklung, wie jede "Instrumentalisierung" des Materials in früheren Zeiten,  unmittelbar eine Funktion erfüllt. Diese Funktion war wohl zunächst der Rückbau der "geistigen Landesverteidigung" (die in dieser Form ja tatsächlich obsolet geworden war), und dann darüber hinaus die Dekonstruktion der Idee von Staaten oder Völkern als gewachsenen Realitäten; dies im Interesse der Globalisierung und schliesslich der Reduktion der Menschheit auf Individuen und Marktkräfte. Dies fand in ganz Westeuropa statt, unsere kleine "Apfelschuss"-Polemik ist davon nur die regionale Ausprägung, und es wurden so innerhalb weniger Jahrzehnte radikal neuartige ökonomische und demographische Realitäten geschaffen, die eine Bevölkerung, der man nicht zuvor eingetrichtet hätte, ihre kollektive Identität sei eine verwerfliche moderne Fiktion, niemals akzeptiert hätte. Dafür gebe ich niemandem die Schuld, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, und wer weiss schon, was da alles für Kausalitäten am Werk sind: Man kann nur Leute so nachhaltig übers Ohr hauen, die im Innersten eigentlich übers Ohr gehauen werden möchten. Ich sage nur dies: Die Ideologien der Vergangenheit stechen uns ins Auge, aber die Ideologie der Gegenwart ist  jeder Epoche unsichtbar, gilt als Einsicht, oder Fortschritt, oder tarnt sich gar als "antizyklisch", als mutiges Antreten gegen die Machenschaften reaktionärer Finsterlinge.


Item, der anefang der dryer lendern ure switz und under-
walden, wie sy da har gar erlich komen sind zum Ersten.
So ist ure das erst land das von eim römschen rych
enpfangen hat das innen gönnen ist, da ze rüten und
da ze wönen.
  Dem nach so sind römer kömen gan underwalden, den
hat das römsch rych auch da gönnen zu rüten und
da ze wönen, des sind sy gefryet und begabet.
  Dar nach sind kömen lüt von Sweden gan Swytz
das dera da heim ze vil was, die enpfiengen von dem
römschen rych die fryheit, und wurden begabet da
ze bliben ze rüten und da ze wonen.
  Und sind die vorgen. drü lender also lange zyt und
vil jare in in guten ruwen gesessen, untz das die
Grafen von habksburg in die nöche diser lender
kämen.
  (Weisses Buch von Sarnen, S. 441)

Montag, 29. Juli 2013

Helvetische Götter

Die Helvetier wollten ja, laut Cäsar 61 v. Chr. angestiftet von Orgetorix, ihr Stammesgebiet verlassen und in einem "Staatsstreich" die Herrschaft über ganz Gallien erlangen, daher eignen sie sich nur beschränkt als Nationalmythos für die Schweiz, welche Nation tritt sonst in die Geschichte ein, indem sie ihre Dörfer abfackelt und ihre Heimat zurücklässt, nur vom römischen Imperialismus nach der Niederlage bei Bibracte dann doch noch an die Scholle des Schweizer Mittellandes gebunden. Trotzdem wurde "Helvetia" dann der nationalromantische Name der Schweiz, denn die Kelten eigneten sich doch besser zur Integration der französischen Schweiz in den Bundesstaat (und schon zuvor in die frühmoderne République des Suisses) als irgendwelche Alemannen und hellebardenschwingenden Bergbauern.

Die Geschichte nahm ihren Lauf, aus Helvetiern wurden Gallo-Romanen, und im 5. und 6. Jh. kamen dann die Burgunder und die Alemannen dazu. Bis ins 4. Jh. überlebten einige gallischen Götter auch bei uns, Seite an Seite, oder manchmal sogar unentwirrbar vermengt, mit dem römischen Kult und orientalischen Mysterien. Das Christentum war zunächst einfach ein weiteres Element in dem Mix, und die Volksreligion, wie sie im Mittelalter und schliesslich in der Frühmoderne bestand, ist so etwas wie ein Sediment aus all diesen Einflüssen.
Wieso soll die Christianisierung ein schärferer Einschnitt gewesen sein als etwa das Verbot des Druidentums unter Tiberius, oder etwa die "nordthrakisch-kimmerischen" Einflüsse, die die bronzezeitlichen Kultformen verdrängten und den Grundstein für das legten, was uns später als "keltisch" oder "germanisch" entgegentritt... Der eigentliche Einschnitt fand statt mit der Reformation, Gegenreformation und schliesslich der Moderne und ihrer Post-Religiosität; wobei die zwinglianische Landeskirche in ihrer Postreligiosität nun offenbar den Kreis zu schliessen wild entschlossen ist, zumindest einzelne Pfarrerinnen ,die "keltische Kraftorte" zelebrieren (die erwünschten  Druidinnen bleiben historisch unbelegt, aber wozu historische Druidinnen,  die Erben Zwinglis holten dieses Versäumnis der Geschichte noch zwei Jahre vor Mists of Avalon nach, und dreissig Jahre später ist der Unterschied zwischen Wicca und Zwinglianismus so gut wie verschwunden.) 


Hier möchte ich einmal einsammeln, was über gallische bzw. gallo-romanische Götter in der Schweiz bekannt ist. Eine gute Zusammenfassung zum Thema finde ich beim Jesuiten Prümm (1954) "zur kaiserzeitlichen Religionslage in der Schweiz", basierend auf Vorarbeit von Felix Stähelin, Die Schweiz in römischer Zeit (1931)


Caturix, oder Mars Caturix (wobei catu-rix (=Hadurih) soviel heisst wie "warlord") scheint ein echt helvetischer Gott zu sein, vielleicht sogar der Hauptgott der Helvetier, oder zumindest der helvetischen Kriegerkaste. Weihinschriften an Mars Caturix haben wir aus der Waadt (Avenches, Yverdon, Pomy bei Yverdon, Nonfoux und Riaz bei Bulle). Wohl benannt nach diesem Gott, und ursprünglich vielleicht verwandt oder identisch mit den Helvetiern, sind die Caturiges, die weiter südlich auf den Alpenpässen nach Italien sassen. Cicollos wird in einer Inschrift in Windisch angerufen. Sein Name wird verstanden als "fleisch-mächtig, muskelkräftig"; dies mag ein Beiname des Kriegsgottes Caturix gewesen sein, den wir uns demnach als sehr gutgebaut vorzustellen hätten, ein richtiger Herkules (in einer Inschrift in Augst heisst er ausserdem "der Grosse", Mars Magianus, und ich frage mich sofort, ob die Mode der Herkuleskeulen-Amulette, die hierzulande im 3. Jh. aufkam, mit diesem Gott in Zusammenhang steht? Diese Herkuleskeulen wurden in der Völkerwanderungszeit zu elbegermanischen Donarskeulen umgedeutet und wurden schliesslich (wohl in Anlehnung an die christlichen Kreuz-Amulette) zu den wikingerzeitlichen Thorshammer-Anhängern (von denen man nebenbei gesagt weiss, dass sie  Frauenschmuck waren; das könnte vielleicht jemand mal  den harten Jungs weitersagen, die heute damit herumlaufen).  Eine Cantusmerta oder Cantismerta scheint die Frau des Mars Caturix zu sein, wohl dieselbe wie Rosmerta (und der gallische Mars heisst auch Smertrios. Das Element smert- wird zu smeru "Fett" gestellt, gut möglich, dass sich das, wie unser Wort Gott wohl auch, auf das Einfetten von Kultfiguren bezieht). Das Paar Caturix und Cantusmerta (Mars und Rosmerta) hatte Kapellen in Allmendingen bei Thun. Gleich daneben waren auch Kapellen, die dem Mithras geweiht waren, in einer beispielhaften "einheimisch-orientalischen Kultmischung" (Prümm).

Lugus, der "dreieinige" Gott der Kelten, ist im Dativ Plural erwähnt in einer Inschrift in Avenches (CIL XIII 5078)  LVGOVES  "für die Luge". Die Inschrift stand auf einer mächtigen Säule, auf der vielleicht einmal ein Standbild dieser Luge war. Das sonst gänzliche Fehlen dieses früher so zentralen Gottes erkläre ich mir so, dass Lugus kein volkstümlicher Gott war, sondern vermutlich mit einer sehr komplexen Theologie ausgestattet der Hochgott der Druidenkaste war, die sich bereits 500 Jahre vor Nizäa den Kopf über die Probleme der Dreifaltigkeit zerbrach (zugegeben mit dem etwas "barbarischeren" Ergebnis des "dreifachen Todes" im Menschenopfer). Nach dem Verbot des Druidentums unter Tiberius (r. 14 bis 37 n. Chr.) war Lugus vielleicht der einzige gallische Gott, der aktiv unterdrückt wurde (ganz ähnlich wie später Wotan der einzige Gott war, dessen Name aus den Wochentagen zu tilgen man für nötig hielt).

Der Stierkopf mit drei Hörnern von Martigny
(das mittlere Horn ist wohl leider abgebrochen)
Ohne Zuordnung zu einem Namen, aber hier zu erwähnen im Zusammenhang mit der "Dreizahl" ist ein Stier mit drei Hörnern, Darstellungen davon kennen wir aus Martigny und Baden. Der dreihörnige Stier ist auch sonst gut bekannt, aus dem östlichen Gallien und dem Rheinland. Was dieser Stier bedeutet, weiss niemand mehr. Frappierend finde ich in dem Zusammenhang den Tarvos Trigaranus vom Pilier des Nautes in Paris: auf diesem Stier sitzen drei Kraniche statt drei Hörner und sein Name heisst auch nichts anderes als "Stier mit drei Kranichen". Nun spekulierte bereits MacCulloch (1911): "the three cranes (garanus, 'crane') may be a rebus for three-horned (trikeras), or more probably three-headed (trikarenos)". Ich muss zusätzlich, sollte hier "Kranich" als "rebus" oder Platzhalter für "Horn" eintreten, an die rätselhaften völkerwanderungszeitlichen, mit dem Wotanskult assoziierten "Vogelhörnerhelme" (bird-horned helmets) denken: Wie naheliegend kann es sein, einen Vogel anstelle eines Horns einzusetzen? Liegt die Erklärung dieser rätselhaften ikonographischen Tradition in einem Wortwitz, einem "rebus" oder gar einer Verwechslung (carnonos—garanos)? Aber "Stier mit drei Kranichen" ist offensichtlich die lectio diffiicilior; eher könnten die drei Kraniche das Ältere sein, und der "dreihörnige Stier" das gallo-romanische Missverständnis? Oder haben wir hier eine letzte Spur einer druidischen Geheimlehre (druidische Theologie war zweifellos höchst abstrakt, mit Symbolik zu Seelenwanderung und Dreigöttern)? Passend dazu der Druide Mogh Ruith aus der irischen Sage, dessen Arbeitsgewand aus einer "dunkelgrauen, hornlosen Stierhaut" zusammen mit einer "weiss-gesprenkelten Vogel-Kopfbedeckung" bestand  (Macculloch 1911, O'Curry 1873). Ich will hier keine unbeweisbaren Behauptungen aufstellen, aber mir bleibt der Eindruck einer Parallele zwischen Lugus und Wotan; beides waren etwas unheimliche Götter (Menschenopfer) mit sehr komplizierter Theologie die nach einem religiösen Wandel als gefährlich eingestuft wurden und deren Kult wohl einige Zeit in Geheimbünden weiterbestand. Die Idee, dass der frühe Wotanskult der späte Luguskult ist, halte ich für erwägenswert. Beweisen können wird man das nie; der erste, der Wotan von Lugus herleiten will (und  Loki als "Odinshypostase" direkt als Fortsetzer von Lugus sehen möchte) bin ich jedenfalls nicht (Rübekeil 2003 mit älterer Literatur).

Für die Matrones ist eine Weihinschrift (CIL XIII 5158c), ebenfalls aus Allmendingen. Die Suleviae (erwähnt in Lausanne, Avenches, Bern und Solothurn) sind auch eine "dreieinige Göttin", vielleicht dieselbe wie die Matronen, vielleicht auch eher eine Art "Nornen", heisst ihr Name doch "die wohl-Leitenden" passend zu Schicksalsgöttinnen.

Sucellus war offenbar in ganz Gallien ein wichtiger Gott, identifiziert mit Silvanus und deshalb als Waldgott angesprochen. Mehrere Statuetten dieses Gottes wurden in der Schweiz gefunden, dargestellt wird er als bärtiger Mann, der in der einen Hand eine langstielige Waffe (ein Doppelhammer) und in der anderen einen Topf oder Becher hält (ein Bierkrug), manchmal ist er auch in Begleitung eines Hundes. Als "Gott mit dem Hammer" (sein Name heisst "der wohl-Schlagende", "der hart zuschlägt"...) auch ein Kandidat für "Herkules" und den späteren Donar.



Der Sucellus aus Lausanne
(Becher und Hammer leider verloren)
Der Sucellus aus Visp
(den Becher hat er noch, der Hammer ist auch verloren)
Hodlers Tell (1897) als Briefmarke (1941).
War Hodler ein Seher, oder doch eher Antiquar?

Auch von grosser Wichtigkeit ist das Zinktäfelchen, in den 1980ern in Bern raubgegraben, mit der Inschrift ΔΟΒΝΟΡΗΔΟ ΓΟΒΑΝΟ ΒΡΕΝΟΔΩΡ ΝΑΝΤΑΡΩΡ. Allein die Verwendung griechischer Schrift zeigt, dass es allenfalls nur kurze Zeit nach der römischen Eroberung datieren kann. Angesprochen ist der Schmiedegott Gobannos, auch er ist von pan-keltischer Bedeutung und überlebt im mittelalterlichen Irland als die Sagengestalt Gobán Saor. Unterzeichnet ist die Widmung von den Leuten von "Brennodurum im Aare-Tal".  Der Schmiedegott erscheint hier mit einem Beinamen, als Dobnoredos Gobanos; dies wird verstanden als "Welt-Fahrer", von dubno- "Welt" und redo- "reisen, fahren". Dass der Schmiedegott auch ein "Reisender" sein soll ist etwas überraschend, und vielleicht steckt da noch mehr Kosmologie dahinter. Das redo- "reisen, fahren" (zu Rad) evoziert einen Streitwagen und damit den sonst in Gallien gut belegten (aber bei uns scheinbar nicht vertretenen) "Rad-Gott" (identifiziert mit Taranis).

Zeichnung des Berner Zinktäfelchens. Elementares Zink wurde erst im Mittelalter beschrieben (der Name stammt von Paracelsus), konnte aber in Rückständen in Schmelzöfen auftreten. Das Täfelchen wurde vielleicht aus solchen Rückständen hergestellt und könnte sehr wohl das älteste Objekt aus "reinem" Zink überhaupt sein.









Epona, die Pferdegöttin, war wohl der erfolgreichste gallische Export ins Römische Reich.
Sterckx 1986 liefert mehr als dreihundert Belege zwischen Britannien und Pannonien. Manchmal erscheint sie als Reiterin in klassischen römischen Fresken, fast wie eine weibliche Ausgabe des "Thrakischen Reiters" (der ebenfalls grosse Karriere im römischen Reich machte) manchmal einfach als Begleiterin eines oder mehrerer Pferde, denen sie schützend die Hände auflegt. Eine solche Darstellung wurde gefunden in Seegräben am Pfäffikersee, es ist eine vergleichsweise primitive Darstellung (künstlerisch niemals vergleichbar mit etwa dem Relief aus Salonika), in der die stehende Epona von vier Pferden umringt wird. Weihinschriften an Epona sind ausserdem bekannt aus Augst, Solothurn und Granges-près-Marnan.




Die Epona von Seegräben. Dies ist das beste Bild, das ich online finden konnte (Kantonsarchäologie Zürich), vermutlich aus  Stähelin  Denkmäler und Spuren helvetischer Religion (Anzeiger für schweizerische Altertumskunde 26, 1924).












Die Darstellung der Bärengöttin Artio dagegen lässt künstlerisch keine Wünsche offen; gefunden wurde sie 1832 bei Muri bei Bern. Die sitzende Göttin hat einen Fruchtkorb, deren Inhalt sie offenbar dem ihr gegenüberstehenden Bären (bzw. der Bärin) anbietet. Wie bei Epona, und bei Tierattributen von Göttern überhaupt, kann man sich fragen, inwieweit Artio einen Bären hat, oder vielleicht doch eine Bärin ist. Auf dem Sockel der Plastik ist die Inschrift  (CIL XIII 5160) DEAE ARTIONI / LICINA SABINILLA, also "gestiftet der Göttin Artio von Licina Sabinilla".



Fund der Artio-Bronze, von Rudolf Münger
(Blätter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde, ca. 1905)



Ebenfalls zur "Muri-Gruppe", nebst Statuetten von Jupiter, Juno und Minerva, gehört die einzige bekannte Darstellung der Göttin Naria, mit Namen identifiziert in der Inschrift  auf dem Sockel (CIL XIII 5151). Leider sind ihre Hände abgebrochen, in denen sie wohl ihre Attribute hielt.
Eine Naria Nousitania ist ausserdem erwähnt in La Neuveville (CL XIII 5151)










Etwas diffuser, aber dafür im territorialen Sinn "helvetisch", sind einige  lokale Gottheiten, namentlich Dea Aventia in Avenches (Aventicum),  eine Quellgöttin, deren Name auch einfach "die Quelle" heisst. Aventicum ist eine römische Gründung, aber 1km südlich stand schon früher ein helvetisches Oppidum; die Quelle und die Quellgöttin könnte, könnte aber auch nicht, bereits vor der Stadtgründung verehrt worden sein. Daneben gab es auch eine Dea Geneva in Genf.

Merkwürdig ist der Name Anextlomara, offenbar eine weibliche Form des sonst männlichen Anextlomaros, eine Art Heil- oder Schutzgott, der mit Apollo gleichgesetzt wurde. Der Name wird gedeutet als "grosser Beschützer", oder in unserem Fall, "Beschützerin". Der ebenfalls apollo-artige ostgallishe Belenos scheint uns ganz zu fehlen (allenfalls steckt er hinter dem Ortsnamen Biel-Bienne).  Im Zusammenhang eines gallischen Heilgottes fällt mir Telesphoros ein, bei den Griechen ein Sohn des Asklepios, der möglicherweise aus dem Kult der Galater entlehnt wurde; jedenfalls wurde er als Zwerg mit einem (aus griechischer Sicht) typisch gallischem Kapuzenmantel dargestellt (dieser Heilzwerg mit Kapuze hat nebenbeigesagt C.G. Jung sehr gut gefallen). Aber hier haben wir es mit einem apollo-artigen "grossen Beschützer" zu tun und nicht mit einem Zwerg. Die weibliche Form davon, die "grosse Beschützerin" wird in einer Inschrift in Avenches angerufen, vielleicht, ich kann nur spekulieren, zur Heilung von frauenspezifischen Gebrechen. In Augst noch eine Erwähnung der sonst eher in Gallien und entlang des Limes bekannten Sirona, eine Göttin von Heilquellen, als Begleiterin von Apollo Grannus auch mit Diana identifiziert.


Mercurius Cissonius ist erwähnt in Weihinschriften in Avenches und zweimal(!) in Promontogno im Bergell. Die eine Bergeller Inschrift (AE 1 991, 1300) wird gelesen als Mercurio [Ci]ssonio [M]a[t]utino; matutinus heisst hier wohl nicht "der morgendliche" sondern eher "der Gute", von gall. matu- "gut" (Natürlich wurde Merkur auch in seiner klassischen Form verehrt; wir haben eine schöne Darstellung eines Ziegenopfers an ihn aus Augusta Raurica).
Einen Mercurius Matutinus haben wir ausserdem in Baden und Wettingen  (CIL XIII 5235  und 34c). Passenderweise begegnet uns der Beschützer der Wege bzw. Gott der Handelsreisenden nicht im helvetischen Kerngebiet um Avenches sondern entlang einer Reiseroute; aus dem Aarebecken kommt man über Baden via Limmat, Linth und den Rhein nach Churrätien und über den Julier und das Bergell schliesslich nach Mailand; oder aber entlang des Inn ins alte Noricum und letztlich an die Donau.  Ein Sedatus, sonst nur aus dem Donauraum bekannt, wird in St. Moritz erwähnt.

Der andere Weg nach Süden führt über das Wallis (der Gotthardpass wird erst im Hochmittelalter erschlossen); Poeninus war bekanntlich der Schutzgott des Passes, für den nun der heilige Bernhard zuständig ist.  Gnädig gestimmt wurde Peoninus durch zahlreiche Weihinschriften, vorsichtshalber mit allerlei Ehrentiteln angerufen, etwa als Iuppiter Optimus Maximus Poeninus.

Rhenus Pater war der Rhein; ob das ein gallischer (geschweige denn helvetischer) Gott sei, bleibe dahingestellt, auf jeden Fall war auch er als Transportweg von überragender und überregionaler Bedeutung. In Eschenz ist eine Inschrift [F]LVM RHENO PRO SALVTE. Der Name Rhein heisst ja (einmal mehr) einfach "Fluss", soll aber möglicherweise bereits vorkeltisch sein. Sein  männliches Geschlecht ("der Rhein") ist sicher bedeutend, die meisten Flüsse sind natürlich weiblich (aber auch in der Celtica: le Rhône = der Rotten = Rodonos; der Inn = Enios; Ticinus; doch nicht: le Doubs = Dubis f. "die Schwarze")